In Flip-Flops ans Museums-Meer

Selbst wenn diesen Sommer alles anders ist und ein herkömmlicher Urlaub undenkbar: Vollkommen auf Urlaubsgefühle muss Oberösterreich dennoch nicht verzichten. Denn wem weite Fahrten und Auswärts-Nächtigungen zu riskant sind, der kann am Schlossberg in Linz dem Alltag für einige Stunden entfliehen und auf drei abwechslungsreichen Rundgängen, die Corona keine Chance geben wollen, „Urlaub im Schloss“ machen. Ganz nebenbei bietet das Schlossmuseum einen herrlichen Blick auf die blaue Donau und den sommerlich ruhigen Linzer Stadtkern.

Bunt schillernde Fische ziehen die Blicke der Besucher im Untergeschoss auf sich. © OÖ Landes-Kultur

Menschen in sorgenreichen Zeiten dem Alltag entfliehen lassen – genau das war die Motivation für die Kulturvermittler Manuel Heinl und Angelika Doppelbauer, die Ferien-Rundgänge durch sämtliche Ausstellungsräume des Schlossmuseums zu konzipieren.

Angesichts der strengen Corona-Bestimmungen hat man neben der Maskenpflicht weitere Sicherheitsvorkehrungen getroffen: So sind Eingänge mit Desinfektionsmitteln und Zahlen ausgestattet, die angeben, wie viele Personen sich zugleich in einem Raum aufhalten dürfen. „Da ein gewöhnlicher Urlaub für viele heuer nicht möglich sein wird, wollten wir etwas Ferienstimmung ins Museum bringen und den Besuchern eine Auszeit ermöglichen“, erklärt Manuel Heinl die Grundidee.

©OÖ Landes-Kultur

Das Ergebnis sind drei verschiedenartige Routen – von der Reise an den Strand über den Urlaub am Bauernhof bis hin zum Städtetrip. So findet jeder Urlaubstyp das Richtige.

Wer den Strand vermisst, für den geht’s im Museum „Ans Meer!“. Sechs Stationen, verteilt im gesamten Gebäude, laden zum Verweilen und Innehalten ein. Da gibt es zum einen die „Unterwasser-Selfie-Station“ vor einem Aquarium mit bunt schillernden Fischen, zum anderen kann der neun Meter lange Riesenzahnhai, auch bekannt als Megalodon, bestaunt werden. Vor rund 20 Millionen Jahren lebte er im Gebiet des heutigen Österreich, welches damals über und über mit Wasser bedeckt war.

Als nächstes führt die Besichtigung von der „Tiefsee“ im Keller nach oben in die heiligen Hallen der Technik. Dort verbreiten Reiseradios mit Dauerbrennern wie „Vamos a la playa“ Strandstimmung vom Feinsten.

Zwischen Meeresrauschen und Bienensummen

Eine weitere Station befindet sich in der Ausstellung „Kunst des 19. Jahrhunderts“. Zwei konträre Gemälde hängen dabei gegenüber – das erste zeigt eine sonnige, ruhige Küstenregion, das andere führt die zerstörerische Kraft der unbändigen, rauen See vor Augen. Lässt man die Werke auf sich wirken und liest dabei eines der daneben aufliegenden Gedichte wie etwa „Das Meer“ von Johann Jakob Jägle, so meint man, die Brandung fast hören und die salzige Brise riechen zu können.

Neun Meter langes Megalodon-Modell ©OÖ Landes-Kultur

Wer möchte, darf sein persönliches Meeresungeheuer malen – neue Buntstifte und weitere Reisesouvenirs stehen für jeden Museumsgast zum Mitnehmen nach Hause zur Verfügung! – und den durch Wasser schreitenden Schutzheiligen der Reisenden, den Heiligen Christophorus, besuchen.
Kulturvermittler Heinl verzichtet auf die Flip-Flops, er bevorzugt eine andere Ferienart: „Der Bauernhof-Rundgang ist mein Favorit. Mich faszinieren die Streuobstwiesen, die früher zu jedem Bauernhof gehörten und jetzt wiederentdeckt werden, und die Artenvielfalt, die man auf ihnen findet.“

Von Vielfalt handelt ebenso der Jahreszeitenkalender, den Besucher mit nach Hause nehmen dürfen: Darin sind heimische Obst- und Gemüsesorten den Monaten, in denen sie bei uns frisch erhältlich sind, zugeordnet.

Wiederum führt der Weg in die Technikausstellung, wo ein originaler, altgedienter und frisch lackierter Steyr Traktor vom Typ 180 aus den 1940ern zu bewundern ist. Hier werden die Ohren der Besucher auf die Probe gestellt: Es gilt, fürs Landleben typische Geräusche zu erraten. Im Anschluss daran führt die Runde in den volkskundlichen Trakt, wo beim Anblick von gemütlichen Bauernstuben Landler zum Tanzen animieren und bunte Mostkrüge wiederum auf zahlreiche, heimische Mostobstsorten – mit teilweise amüsanten Bezeichnungen – hinweisen. Wer will, darf sich ein urtümliches Bauernrezept für Mehlknödel mitnehmen und daheim ausprobieren.

Mit dem „Steyr Baby“ durch die City brausen

Wer es lieber international statt regional mag, kann sich den Rucksack auf den Rücken schnallen und auf Museums-„Städtereise“ gehen! So entführt die Geräuschkulisse eines Kamelmarkts vor Leopold Carl Müllers Gemälde nach Kairo. Dass nicht echte Kamele für die Laute sorgen, sondern ein kleines Radio, stört dabei kaum.

Einst war der Steyr Traktor im Feld unterwegs. Nun ist er in der Technikausstellung. ©OÖ Landes-Kultur

Ein bisschen heimatlich wird’s dennoch: Neben Kairo führt die dritte Museumstour mit dem Marionettentheater des „Nussknackers“ und dem Kasperl nach Salzburg und Linz. Das „Steyr Baby“, ein echter Österreicher und Oldtimer aus dem Jahr 1936, überrascht heutige Betrachter mit ausgeklügeltem „Winker“-System, einem Vorläufer der Blinker.

Unentschlossene haben keinen Grund zur Sorge: An die erste Museums-Reise kann unmittelbar die nächste angehängt werden, der Eintritt muss nur einmal bezahlt werden. Und kommt durch das Reisen Hunger auf, kann im Museums-Café bei traumhaftem Ausblick eine Pause eingelegt werden.

Insgesamt handelt es sich um eine runde Ausstellung, die zur Verfügung stehende Objekte optimal nützt und mit interaktiven Ideen frisch aufpoliert. Die Kreativität der Besucher ist gefragt, Mitraten und Zeichnen erwünscht. Natürlich kontaktlos! Bis Ende September kann der „Urlaub im Schloss“ „gebucht“ werden, bevor im Herbst unter dem neuen Direktor der OÖ Landes-Kultur GmbH, Alfred Weidinger, eine Vielzahl an Neuerungen umgesetzt werden. Einige Dauerausstellungen, die teilweise schon 40 Jahre auf dem Buckel haben, werden Innovationen weichen. Darüber hinaus hegt Weidinger die Absicht, die oö.

Museumslandschaft zu stärken, indem Kultur regionaler und für jedermann erfahrbar wird. Die beliebten Erinnerungscafés sollen, sobald es Corona zulässt, wieder für kulturellen Austausch sorgen. „Wir merken immer häufiger die Einsamkeit der Menschen, für die Kultur gar nicht so sehr im Mittelpunkt steht, sondern die sich mit uns einfach austauschen wollen“, sagt der engagierte Kulturvermittler Heinl.

Wo er selbst heuer Urlaub macht? „Ich werde in Österreich urlauben. Wandern in Salzburg steht auf dem Programm. Auslandsreisen sind nicht geplant“, so Heinl.

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