„In Pandemiezeiten kann und darf Musik Medizin sein“

Till Brönner hat ein neues Album, sich aber auch deutlich zur Pandemie-Bekämpfung geäußert

Er spielte schon vor Barack Obama: Till Brönner
Er spielte schon vor Barack Obama: Till Brönner © Sony Music Entertainment

Er gehört seit Jahren zu den erfolgreichsten Künstlern im deutschen Raum, 2016 trat er im Weißen Haus auf, er kann zwei Grammy-Nominierungen sein Eigen nennen und ist bislang der einzige Künstler, der in allen drei ECHO-Kategorien (Jazz, Pop, Klassik) gewinnen konnte.

Musiker Till Brönner ließ in den vergangenen Wochen aber auf ungewohnte Weise aufhorchen. In einem Video, das er online veröffentlichte, machte er seiner Wut bezüglich der Situation von Künstlern in Deutschland während der Corona-Pandemie Luft.

Daraufhin stand sein Telefon nicht mehr still, wie der 49-jährige Trompeter erzählt.

VOLKSBLATT: Was hat Sie zu dem Video bewogen?

TILL BRÖNNER: Wir haben es in Deutschland mit einem doppelten Problem zu tun: Da ist einerseits ein Kommunikationsproblem. Regierung und Länder sind nicht in der Lage, der Bevölkerung zu erklären, warum sie die Konzerthallen etc. zumachen, obwohl es dort nie einen Ausbruch oder dergleichen gab. Das andere ist ein administratives Problem, weil sich letztlich keine geeigneten Institutionen in der Lage sehen, das Geld zielgenau und individuell geprüft zu überweisen. Und das führt nicht nur zu Frust, es zeigt auch, wie unterbesetzt Deutschland in so einer Zeit wie jetzt zu sein scheint.

Sie sagen, dass Sie sich sonst eigentlich nicht politisch äußern. Haben Sie Angst, dass Sie jetzt in eine Schublade gesteckt werden – als „Wutbürger“ oder gar als „Corona-Leugner“?

Die Angst habe ich überhaupt nicht, weil jeder weiß, dass ich kein „Corona-Leugner“ bin. Niemand in der Branche leugnet das Virus. Man lässt sich aber auch nicht abstempeln zu einer Gruppe, die an ihrer Freiberuflichkeit auch noch selber schuld ist. Corona hat weltweit zur Krise geführt, aber unsere Szene war entgegen vieler Konzerne oder Branchen vorher stabil, wir waren auch nicht arbeitslos. Aber die Mittel, die uns gerade angeboten werden, noch dazu völlig unzureichend, lassen darauf schließen. Der Branche fällt aktuell auf die Füße, dass sie viel zu wenig organisiert ist. Das war auch Teil meines Posts. Künstler und die Verbände, die Gewerkschaften … das war nicht das, wo man sich früher gesehen hat. Hier herrscht eine Menge Bedarf an Innovation.

Im November hätten Sie ein Konzert in Linz gegeben, das – natürlich – abgesagt werden musste. Wie viele Auftritte konnten Sie denn seit Mitte März nicht absolvieren?

Ich habe das Zählen aufgehört, muss ich Ihnen ehrlich sagen. Was ich sagen kann: Ich habe 2020 drei Konzerte gespielt, zwei davon waren Open-Airs im Sommer und das dritte fand in der Essener Philharmonie statt nach wirklich vorbildlichem Hygienekonzept und das dann auch völlig folgenlos blieb. Das waren meine drei Konzerte, die anderen 65 oder 70, die haben nicht stattgefunden.

Können Sie das irgendwie nachholen, Pläne schmieden für 2021,22 … ?

Fakt ist, dass wir mittlerweile nicht zum ersten Mal Konzerte verlegen. Mittlerweile sind die Hallen in 2021 gar nicht mehr verfügbar. Die Frage, wann verdient ein Veranstalter wieder Geld — ab 2022? Ich denke, da ist was dran. Dann wären es zwei volle Jahre Stillstand. Es wäre Unsinn, jetzt Pläne zu machen. Ich rechne in meinem Bereich mit einem halbwegs normalen Betrieb nicht vor Herbst 2021.

Durchaus kritisch sehen Sie ja die „Ersatzprogramme“ online.

Das muss natürlich jeder so halten, wie er will. Ich will niemandem Vorhaltungen machen, aber es fiel einfach auf, dass am Anfang der Pandemie Künstler reflexartig Inhalte im Netz — zunächst aus Gründen der eigenen Beruhigung von sich selbst, dann der Gesellschaft — kostenlos zur Verfügung gestellt haben. Es war regelrecht Angst zu spüren, vielleicht einfach nicht mehr stattzufinden oder in Vergessenheit zu geraten. Diese Sorge habe ich noch nie geteilt, im Gegenteil, ich war und bin immer der Meinung, dass man dem Signal, dass Musik kostenlos im Netz zu bekommen sei, nicht Vorschub leisten darf. Ich warte bis heute, den ersten Zahnarzt zu sehen, der draußen vor seiner Praxis ein Schild aufstellt: Heute kostenlose Zahnreinigung wegen Corona oder so.

Mitten in der Pandemie erschien nun Ihr Album „On Vacation“, das beim Anhören einen total entspannten Ausstieg aus der Realität ermöglicht. Das ist ja auch eine Möglichkeit, durch diese Zeit zu kommen …

Ich muss mich wahnsinnig oft „erklären“, wie ich denn trotz Corona so ein entspanntes Album habe machen können. Das ist aber genau das, was ich hauptberuflich mache. In Pandemiezeiten kann und darf Musik Medizin sein. Ich sehe das auch ohne Virus als unverzichtbar an. Es gab also nur eine kurze Diskussion, ob wir vielleicht das Album inhaltlich oder den Titel ändern sollten. Weil man ja eigentlich nicht von Entspannung und Sonne sprechen kann, während die Welt still steht. Doch wir blieben konsequent und ich bin froh darüber.

Das Album ist ja auch unter ganz idyllischen Bedienungen entstanden.

Wir sind geflüchtet aus dem Stress nach Südfrankreich und haben uns in ein Studio eingeschlossen. Dort konnte ich mit Bob James eine hochkreative und hochkünstlerische Zeit abseits von Administration erleben und das hat am Ende zu „On Vacation“ geführt.

Vieles verlagert sich ja heute auch wieder ins Fernsehen. Sie waren dreimal Mitglied der Jury von „X Factor“. Würde Sie so ein Castingformat noch einmal reizen?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist das nicht mein Schwerpunkt. Natürlich ist Fernsehen ein Medium, das wieder schwer im Fokus ist. Auch wenn die Qualität gerade nicht hinterherkommt, das muss man klar sagen. Aber richtig ausgeschlossen habe ich Sachen nie. Ich weiß, ich habe mich damals sehr explizit für meinen Ausstieg erwärmt und das so kommuniziert, da ich wieder mehr Musik machen wollte und „X Factor“ sehr viel Zeit gefressen hat. Wenn ich ehrlich bin, wäre das heute auch wieder so. Jeder Einstieg in so ein Format hätte zur Folge, dass ich wieder weniger Musik machen kann.

2016 haben Sie vor Barack Obama gespielt, würden Sie das vor Joe Biden auch noch einmal tun?

Ich halte das nicht für ausgeschlossen. Die beiden sind ja gemeinsam Präsident gewesen …

Dann hat er Sie ja schon gehört.

Das weiß ich übrigens nicht so genau. Ich meine, er wäre auch da gewesen, aber da war ich doch ein bisschen zu sehr mit der Musik beschäftigt an dem Abend. Bei Donald Trump haben sich ja so viele Künstler wie nie zuvor dagegen verwehrt. Das ist sicherlich auch erklärbar.

Aber bei Joe Biden würden sie ja sagen, wenn er sie einlädt?

Wenn er einen guten Grund hat, warum nicht?

Mit Star-Trompeter TILL BRÖNNER sprach Mariella Moshammer

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