„In unserer Gesellschaft ist das Mutterbild sehr altmodisch“

Regisseurin Jessica Hausner über Cannes, Kinder und Monster, das Drehen auf Englisch und ihren nächsten Film

Regisseurin Jessica Hausner
Regisseurin Jessica Hausner © coop99 filmproduktion/Pedro Domenigg

Ihr erster auf Englisch gedrehter Film brachte Jessica Hausner („Lourdes“) in den Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes — als erste österreichische Regisseurin überhaupt.

Emily Beecham, Hauptdartellerin in „Little Joe“, gewann prompt den Preis für die beste Schauspielerin. Seit 2017 ist die 47-jährige Wienerin Hausner auch Mitglied der Oscar-Akademie.

VOLKSBLATT: „Little Joe“ funktioniert wie ein klassischer Horrorfilm, ein Science-Fiction-Streifen, in dem sich Hinweise auf außergewöhnliche Vorkommnisse immer mehr verdichten. Wie kamen Sie auf diese Genre?

Ich hatte die Geschichte im Kopf und das Gefühl, dass mir dieses Genre hilft, sie zu erzählen. Es ging mir um ein Infragestellen dessen, was man für wahr oder sicher hält. In all meinen Filmen gibt es immer diese Grundbotschaft, dass das, was alle glauben, möglicherweise nicht stimmt. Und in dieser Geschichte geht es eben um die Frage, ob diese Blume tatsächlich Menschen verändert oder nicht. Für mich mischen sich hier Science-Fiction und Psychothriller. Da gibt es Geschichten wie „Invasion of the Body Snatchers“, wo es darum geht, ob Menschen verändert oder sogar ausgetauscht wurden. Ich finde das eine sehr existenzielle und interessante Frage: Wie kann man Nähe empfinden, wenn man gar nicht wissen kann, was diese Person wirklich denkt und fühlt?

Ein großes Thema ist auch das Muttersein …

Ich finde tatsächlich, dass in unserer Gesellschaft das Mutterbild noch sehr altmodisch ist. Das gehört längst revidiert. Ein Teil der Erzählung von „Little Joe“ handelt davon, dass eine Mutter sowohl ihr Kind als auch ihren Beruf lieben kann und dass das kein Gegensatz ist. Die Mutter im Film kämpft aber mit diesem schlechten Gewissen, weil sie denkt, es sei ein Entweder-Oder. Am Ende ist eine Art Happy End zu erkennen, dass beides möglich ist. Dass es in Ordnung ist für diese Mutter, sich für den Beruf zu entscheiden. Das ist eine mir wichtige Erzählung, die sehr gut in das Science-Fiction-Genre hineinpasst. Ich habe ehrlich gesagt auch an „Frankenstein“ gedacht. In der „Frankenstein“-Geschichte ist es ein männlicher Wissenschaftler, der ein Monster erschafft, das sich selbstständig macht. Ich habe immer schon das Gefühl gehabt, dass Frauen, die Mütter werden, genau das erleben. Man bringt ein neues Lebewesen in die Welt und dieses Lebewesen ist unter Anführungszeichen ein Monster, ein fremdes Wesen. Man kann es nicht kontrollieren und es macht, was es will. Ich finde diese „Frankenstein“-Geschichte mit einer Wissenschaftlerin, die zwei Monster erschafft, nämlich ihr Kind und die Pflanze, interessant.

Der Song im Abspann, „Happy Business“ von Markus Binder (Attwenger), bringt es auf den Punkt: Was zählt, ist Glücklichsein. Sind wir soweit, jeden Preis dafür zu zahlen, „happy“ zu sein?

„Little Joe“ stellt ja in Frage, ob es nicht eh die beste Lösung sei. Das ist durchaus ambivalent. Einerseits ja, weil es in unserer Gesellschaft so ist, dass Glücklichsein unglaublich forciert wird, dass es zum guten Ton gehört, zu erzählen, wie gut es einem gehe, wie erfolgreich man sei und wie toll alles sei. Das ist sicherlich ein enormer Druck, der auf uns allen lastet. Ich liefere in meinen Filmen selten am Ende eine politische Botschaft mit, die schwarz oder weiß ist. Sondern meine Filme sind alle von einer gewissen Zwiespältigkeit beseelt. Auch wenn es so ist, dass die Pflanze uns entmenschlicht, dann ist es am Ende gut, weil sich die Frau wenigstens deshalb dafür entscheiden kann, was sie insgeheim immer wollte. Es ist eine Art labyrinthische Geschichte, die immer wieder von einem Schritt zum nächsten geht, und dem Zuschauer letztlich eine Art Ratespiel oder Puzzle liefert. Beim Schreiben des Drehbuchs war das der Hauptspaß, eine Geschichte zu erfinden mit mindestens zwei Lesarten. Ich dachte manchmal an diese M. C. Escher-Bilder.

Eine Figur in Ihrem Film stellt die „Wahrheit“ in Frage. Warum haben Sie dafür eine Frau gewählt?

Bella ist diejenige, die behauptet, dass die Pflanze ihren Hund verändert hat. Jetzt ist Bella selbst ja eine sehr zwiespältige Figur, man unterstellt ihr, dass sie psychologische Probleme hatte. Sie ist also nicht die vertrauenswürdigste Quelle. Die Darstellung von verrückten Frauen in Filmen hat mich schon immer interessiert. Möglicherweise auch der Grund, warum ich eine vermeintlich verrückte Frauenfigur gewählt habe. Es sind oft Frauen, denen unterstellt wird, sie seien hysterisch oder zu emotional. In meiner Geschichte wird Bella das unterstellt, aber ist das wirklich so?

An manchen Stellen wirkt „Little Joe“ wie ein Theaterstück, durchaus auch distanziert …

Diese Erzählart hat was Brechtsches. In meiner Art, die Filme zu machen, liegt, dass man als Zuschauer die Inszenierung spürt. Ich denke aber nicht, dass das unbedingt Distanz erzeugt. Im Gegenteil, es regt einen anderen Teil im Zuschauer an. Filme, deren Inszenierung unsichtbar ist, laden dazu ein, sich zurückzulehnen und dem Geschehen zu folgen. Solche wie meine laden den Zuschauer ein, mitzudenken. Es ist also eine viel intensivere Beteiligung des Zuschauers an einer Geschichte, dadurch ist man mehr involviert.

Sie haben schon auf Französisch gedreht, für „Little Joe“ das erste Mal auf Englisch. Wo liegen die Schwierigkeiten, nicht in der Muttersprache zu drehen?

Das Drehen selbst ist egal, die Hauptfrage ist die Übersetzung der Dialoge. Ich schreibe sie ursprünglich auf Deutsch, natürlich mit einem gewissen Humor, Unterton und Stil. Und da ist immer die Frage, wie kann ich das in eine andere Sprache übersetzen. Im Französischen fand ich das schwieriger. Im Englischen gibt es so einen total trockenen lakonischen Humor, der dem österreichischen sehr nahe ist. Von der Mentalität her ließ sich das sehr gut übersetzen.

Extrem stimmig ist die Filmmusik, man denkt etwa jedes Mal, wenn die Blume auftaucht, an den Rattenfänger … Wie sind Sie auf die Musik gekommen?

Der Komponist ist der bereits verstorbene Japaner Teiji Ito. Er hat Musik zu einigen Filmen von Maya Deren gemacht, deren Filme mich stark beeinflusst haben. Die Musik ist unheimlich, seltsam, aber auch emotional. Ich habe die Aufnahmen schon ausgewählt, bevor ich das Storyboard gezeichnet habe. Teilweise haben wir danach gedreht, den Schnitt danach gerichtet.

Welche Auswirkungen hatte denn der Auftritt in Cannes?

Durch die Teilnahme am Wettbewerb gibt es mehr Aufmerksamkeit für den Film. In Cannes selbst werden ja Geschäfte gemacht, der Film wurde in die ganze Welt verkauft. Es gibt auch viel mediale Aufmerksamkeit und es ist für mich als Filmemacherin klar ein Sprung nach vorne. Es hat schon sehr viele positive Effekte.

Am Samstag wird Ihr Film auf der Viennale gezeigt. Kann das noch was nach Cannes und dem roten Teppich dort?

Doch, auf jeden Fall. Das ist nach wie vor so: Wenn ich meinen Film in verschiedene Länder begleite, ist das jedes Mal total spannend, weil mit dem Kinopublikum den Film anzuschauen der letzte Schritt beim Filmemachen ist. Es zeigt, wie der Film wirklich rüberkommt. Ich mache das wirklich gerne, auch um zu verstehen, was das Publikum von dem Film hält.

Sind die Reaktionen von Land zu Land unterschiedlich?

Bei „Little Joe“ habe ich bis jetzt die Erfahrung gemacht, dass recht stabil an denselben Stellen gelacht wird. Das finde ich ein ganz positives Zeichen. Es ist ja, wenn man eine Co-Produktion macht, oder in einer anderen Sprache dreht, letztlich auch der Versuch, einen möglichst international funktionierenden Film herzustellen. Und mir kommt vor, das ist bei „Little Joe“ ganz gut gelungen.

Wird auch Ihr nächstes Projekt auf Englisch sein und den internationalen Markt anstreben?

Ja, das würde ich gerne weitermachen, weil es gut funktioniert hat und mir die Sprache entgegenkommt. Beim nächsten Drehbuch würde ich wahrscheinlich teilweise schon auf Englisch schreiben. Es gibt auch schon eine Idee. Ich habe in meinen Filmen immer einfache Grundideen, teilweise Sagen oder Märchen. Bei der neuen Geschichte ist der Rattenfänger von Hameln die Vorlage. Die simpelste Beschreibung ist, eine Lehrerin entführt aus Rache an den Eltern die Kinder und es geht um Verführung und Manipulation.

Mit JESSICA HAUSNER sprach Mariella Moshammer

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