Die zärtliche Erinnerung

Linn Ullmann: „Die Unruhigen“ über ihre Eltern Liv Ullmann & Ingmar Bergman

Ingmar Bergman und Liv Ullmann,1968 © dpa

Von Christian Pichler

Natürlich ist der Titel „Die Unruhigen“ eine unendliche Koketterie, doch Linn Ullmanns traumhafter Text reicht an Fernando Pessoas Meister- und Jahrhundertwerk heran. „Die Unruhigen“ hat eine ähnliche existenzielle Tiefe wie Pessoas „Das Buch der Unruhe“, Ullmanns Buch ist ein literarischer Schatz.

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„Viele Jahre trug ich meinen Vater, oder was mir von ihm geblieben war, in dieser Tasche mit mir herum. Er starb im Sommer 2007, und jahrelang lag er in ihr und wurde zusammen mit all den anderen Dingen hin- und hergeworfen.“ Der Vater ist Ingmar Bergman, der weltberühmte Regisseur, der im Buch nie namentlich genannt wird. Der seine Filme mehr liebte als die vielen Kinder, die er mit mehreren Frauen gezeugt hatte. Ebenso namenlos die Mutter, „Mama“, die nicht minder berühmte Schauspielerin Liv Ullmann.

Ullmann befragt sich selbst und alte Tonbänder

Das Mädchen Linn verbrachte einmal im Jahr, im Juli, ihre Ferien beim Vater in seinem Haus auf der Insel Fårö. Die große Liebe des Mädchens ist die Mutter, die unruhige Liv Ullmann wird beinahe erdrückt von der Sehnsucht des Mädchens: „Am besten gefiel ihr, wenn das Mädchen schlief. Mein kleines, feines Mädel. Wenn alle wach waren, wurde es ihr dagegen zu viel. Anhängliches Mädchen. Anhängliche Liebe. Als wollte das Mädchen wieder in sie hinein.“ Wer da, aus dem Land Freuds kommend, nach Beschädigungen und Neurosen sucht, ist auf der falschen Spur. Linn Ullmanns Annäherung ist so unfassbar zärtlich, ein sich selbst befragendes Erinnern, das die ihr nahen (oft auch fernen) Menschen in ihrem So-Sein belässt. Sie sind, wie sie sind. Als wichtige Erinnerungskrücke dienen die Tonbänder, die Linn Ullmann in den Wochen vor dem Tod des Vaters mit ihm besprochen hat. Ein tontechnisches „Fiasko“, wie sie erst befindet, das sie einige Jahre unberührt lässt.

Die Gespräche fließen schließlich fragmentarisch in den Text, sind in ihrer vermeintlichen Unzulänglichkeit ungemein gehaltvoll, geradezu „wahr“. Wichtig die Pausen: „Sechs Aufnahmen. Wenn mein Vater noch lebte, hätte ich ihn nach den Pausen gefragt. Der Stille. Den Zwischenräumen. Wie gibt man sie wieder? Wie hätte er es gemacht?“

Linn Ullmann schrieb ein wunderbares Buch des Erinnerns. Die Eltern in ihren typischen Redewendungen erinnert, „meine Nerven zerknittern“ (Mama), „wütend wie eine vergiftete Leberwurst“ (Papa). Der Vater seit seiner Jugend im verwaschenen Flanellhemd, sein rotes Damenfahrrad, sein protestantisch geprägtes Wesen. Die Fenster im Sommer fest verschlossen (Zugluft!), bei der Arbeit stören streng verboten, seine unbedingte Pünktlichkeit. Frauen, Sexualität. Die Frage nach dem Altwerden, von der die Gespräche ursprünglich hätten handeln sollen.

Die Romane der 1966 in Oslo geborenen Linn Ullmann sind vielfach preisgekrönt und in dreißig Sprachen übersetzt. „Die Unruhigen“ (aus dem Norwegischen: Paul Berf) ist eines dieser Bücher, die ein Leben verändern, es tiefer machen können.