„Ingolstadt“ hatte auf der Perner-Insel Festspiel-Premiere

Lilith Häßle (Berta) und Ensemble in „Ingolstadt“ © APA/SALZBURGER FESTSPIELE/MATTHIAS HORN

Sehr feucht ist es in Ingolstadt. Die Bewohner und die zum Brückenbauen angerückten Pioniere waten ständig durch Lacken. Manche Stellen sind so tief, dass man in ihnen leicht ertrinken kann. Jeder Schlag ist hier auch ein Schlag ins Wasser. Es wird viel gespritzt in den knapp zweieinhalb Stunden, in denen auf der Perner-Insel ein Konglomerat der beiden Ingolstädter Stücke von Marieluise Fleißer gespielt wird. Die Premiere am Montagabend wurde mit langem Beifall bedacht.

Es war eine Premiere mit Hindernissen. Einige Corona-Fälle im Ensemble hatten den „permanenten Ausnahmezustand“ in den letzten Probentagen, eine Verschiebung um vier Tage und für die Premiere drei „temporäre Umbesetzungen“ bedingt, erläuterte Schauspielchefin Bettina Hering vor der Vorstellung – die dann auch noch wegen eines Schwächeanfalls im Publikum für kurze Zeit unterbrochen werden musste und einige kurze Tonanlagen-Ausfälle hören ließ. Letzteres gab Gelegenheit nachzugrübeln, ob die fast permanent über die Dialoge gelegte Tonspur und die Mikroports wirklich das Nonplusultra waren…

Dramaturg Koen Tachelet hat die beiden Stücke „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ ineinander verzahnt. Nach einer gewissen Eingewöhnungsphase funktioniert das gut. Auf Doppelbesetzungen wird verzichtet – mit Ausnahme der zentralen Erwachsenenfigur. Dass Olgas Vater Berotter („Fegefeuer“), Fabians Vater Unertl und die beiden Feldwebel („Pioniere“) von ein und demselben Schauspieler gespielt werden, lässt ihn als zentrales Scharnier der Abläufe funktionieren. Pech, dass ausgerechnet hier Corona zugeschlagen hat und die Premiere von dem sich tapfer schlagenden Einspringer Ernest Allan Hausmann statt von Oliver Nägele gespielt wurde. Dass sich dieselben Darsteller mal als Pioniere, mal als Schüler zu gewaltbereiten Gangs zusammenrotten, ist stimmig. Der Druck geht stets von oben nach unten. Und unten sind die Untergebenen, die Außenseiter, die Schwachen und die Frauen.

Sein Ingolstadt sei „eine mythische Stadt wie Mahagonny: eine Metapher für eine Welt, in der die jungen Leute um ihre Zukunft kämpfen“, hat Ivo van Hove, der Regisseur dieser Koproduktion mit dem Burgtheater, im Vorfeld verlautbart. Zunächst scheint es, Bühnenbildner Jan Versweyveld habe diese mythische Stadt in einem Ölfeld angesiedelt. Erst allmählich entpuppen sich die vermeintlichen Bohrtürme als Strommasten, auf denen Lautsprecher und zwischen denen bunte Lampenketten befestigt sind. Zusammen mit der sie umgebenden Pfützen- und Teichlandschaft und den drei umlaufenden Spiegelwänden ergibt das eine Mischung aus Industrie- und Naturpark, in dem die einzelnen Handlungsstränge nach und nach entwickelt werden – nicht immer schlüssig, aber fast immer packend.

Es schälen sich Leidens-. Unterdrückungs- und Märtyrergeschichten heraus (Jan Bülow zeichnet mit hoher Intensität Roelle als Schmerzensmann zwischen religiöser Verzückung und weltlichem Verlangen), aber auch Widerstandsakte und Emanzipationsversuche. Während Ivo van Hove, der 2024 die Leitung der Ruhrtriennale übernimmt, mit der expressionistisch übersteigerten, fast lyrisch wirkenden Sprache Fleißers nur wenig anfangen kann, gelingt es ihm, aus den von Männermacht dominierten Stücken drei starke Frauenrollen herauszuarbeiten.

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Marie-Luise Stockinger kämpft als schwangere Olga („Fegefeuer“) darum, eine positive Weltsicht, etwas Zuneigung und einen Mann zu finden, der ihr nicht bloß einredet, „das“ unbedingt wegzumachen. Den brutalen Männlichkeitsverkörperungen der „Pioniere“ bieten Lilith Häßle als Berta und Burgtheater-Neuzugang Dagna Litzenberger Vinet als Alma lange erfolgreich die Stirne – die eine als selbstbewusste Frau, die über ihr Leben und Lieben selbst bestimmt, die andere als Unternehmerin, die ihre Jugend und ihre Lebenslust als Kapital einsetzt. Am Ende werden beide Strategien brutal scheitern. Die Pioniere ziehen weiter und schmettern dazu ein Lied: „Wir kommen alle, alle, alle in den Himmel / Weil wir so brav sind, weil wir so brav sind…“

It’s a man’s man’s world – aber Ingolstadt ist die Stadt der Frauen? Am Ende des Experiments „Ingolstadt“ wirken die beiden Original-Stücke nicht weniger geheimnisvoll als davor und Fleißers Verwandtschaft zu Büchner und zu Wedekind scheint mindestens ebenso groß wie zu Horváth. – Nur noch vier Vorstellungen gibt es in Hallein – doch ab 4. September ist die sehenswerte Aufführung im Repertoire des Burgtheaters.

„Ingolstadt“, nach den Stücken „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer in einer Bearbeitung von Koen Tachelet, Regie: Ivo van Hove, Bühne: Jan Versweyveld, Kostüme: An D’Huys, Musik: Erich Sleichim, Dramaturgie: Koen Tachelet, Sebastian Huber. Premierenbesetzung: Marie-Luise Stockinger – Olga, Jan Bülow – Roelle, Dagna Litzenberger Vinet – Alma, Lilith Häßle – Berta, Maximilian Pulst – Korl, Tilman Tuppy – Peps, Max Gindorff – Fabian, Lukas Vogelsang – Christian, Lili Winderlich – Clementine, Gunther Eckes – Münsterer, Julian von Hansemann – Rosskopf, Ernest Allan Hausmann – Berotter/Unertl/Feldwebel/neuer Feldwebel, Bijan Zamani – Protasius, Elisabeth Augustin – Roelles Mutter, Etienne Halsdorf – Jäger. Salzburger Festspiele, Perner-Insel, Hallein, Weitere Aufführungen am 2., 4., 5. und 7. August. Koproduktion mit dem Burgtheater. Wien-Premiere am 4. September. salzburgerfestspiele.at

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