Innehalten auf dem Weg zum idealen Menschen

Livestream-Premiere im Burgtheater: „Die Maschine in mir“ des Regieduos Dead Centre

Schauspieler Michael Maertens als Journalist Mark O´Connell
Schauspieler Michael Maertens als Journalist Mark O´Connell © Burgtheater/M. Ruiz-Cruz

Können wir in Zukunft unser gesamtes Bewusstsein in einer Cloud speichern und nach Bedarf hochladen? „Die Maschine in mir“ des britisch-irischen Regieduos Dead Centre, namentlich Ben Kidd und Bush Moukarzel, und des Journalisten Mark O´Connell feierte am Silvesterabend am Burgtheater gelungene Premiere.

„Wir warten, bis die letzten Zuschauer ihre Plätze eingenommen haben.“ Gemeint sind 100 Bildschirme. Zahlende Besucher haben Tage zuvor je drei Videos von sich selbst hochgeladen. Sie sehen sich als Live-Publikum. Es geht um Transhumanismus, die Idee vom gen-, nano-, biotechnologisch optimierten, mit Maschinen verschmolzenen Menschen.

Michael Maertens steht allein auf der Bühne, spielt den Journalisten O’Connell, der drei herausragende Vertreter des Transhumanismus vorstellt. Parallel dazu erläutert er das als unzeitgemäß erklärte Theater als Ort des gemeinsamen Erlebens und Sterbens in Echtzeit, wo Schauspieler imaginierte Menschen bis ins letzte Detail in sich hochladen, so dass sie das Publikum im Idealfall als real empfindet.

Der aktuelle Stand der Technik im „Ich“

Hundert echte Menschen folgen der unausgesprochenen Aufforderung, den aktuellen Stand der Technik im „Ich“ 50 Minuten lang zu hinterfragen. Maertens arbeitet vielschichtig daran. Sein privates „Ich“ steht auf der Bühne so wie O´Connell und dessen Reportage „Unsterblich sein“. Als „Ich“ fühlt sich auch der Zuschauer zu Hause, der zugleich live und als Vergangener interaktiv agiert. Irritierende Knoten setzen sich fort. Maertens zeigt sich gerührt über ein Video von seinem neugeborenen, jetzt siebenjährigen, Sohn. Der Bildschirm geht kaputt, wird ersetzt, das Plärren des Babys hält an. Zeitebenen, Menschliches, Technik überschneiden sich. Was ist ein realer Mensch?

Michael Maertens weiß zu fesseln

Ausgedient hat sein mangelhaftes System. Ein neues Betriebssystem basiert auf grenzenlosen technischen Fortschritten. Körper, Gehirn und Computer verschmelzen. Das eigene Bewusstsein wird transplantiert, jeder kann täglich eine individuell-optimale Version von sich selbst hochladen. Längst begonnen hat das Vordringen der Technik in den Körper, seine technische Optimierung. Transhumanisten nennen sich die Vertreter der Idee vom konstruierten Übermenschen, darunter nicht nur Nerds und Spinner. Raymond Kurzweil, Jg. 1948, immerhin Chef der technischen Entwicklung bei Google, sieht eine neue Phase der menschlichen Evolution. Noch ist jeder Körper dem Tod geweiht. Googles Tochterfirma Calico arbeitet daran, genau das abzuschaffen.

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Das Stück zeigt auf, erklärt, informiert, wertet nicht. Maertens moderiert. Körperlich, gestisch, mimisch agiert er als Gegenpol — als Mensch mit Bedürfnissen, Gefühlen, mit Gedanken, die zu Handlungen führen. Sein komplexes System schreit überglücklich auf: „Menschen!“ nach der computergeprüften Echtheit der Zuschauer. Michael Maertens weiß zu fesseln. Sein Blick durchdringt den Betrachter, nach innen gerichtet klammert er ihn im dichtesten Close Up aus.

Man weiß nach einer knappen Stunde nicht, wo einem jener fehleranfällige Datenträger namens Kopf steht, der durch Kryonik konserviert wird, um die Zellen wieder zu aktivieren, sobald die entsprechende Technik, die bei Eizellen bereits funktioniert, optimiert wurde. Wie umgehen mit komplexen Abläufen wie Emotionen, mit deren Auslösern und Folgen? Dass die Berechnung schon weit simplerer Vorgänge rein von der Rechenleistung her unmöglich ist, dass der Wunsch nach Unsterblichkeit die Menschheit Zeit ihres Bestehens antrieb, lässt auch den Transhumanismus im Ansatz alt aussehen. Auch dass die Götter angesichts solcher Anmaßung stets grausam straften, gibt zu denken.

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