Weißes Haus nach anonymem Zeitungskommentar im Aufruhr

Nach dem Enthüllungsbuch der US-Reporterlegende Bob Woodward hat nun auch noch ein anonymer Zeitungskommentar das Weiße Haus in helle Aufruhr versetzt. Der Autor, der ein „hochrangiges Regierungsmitglied“ sein soll, schildert permanente Anstrengungen in Trumps Umfeld, den Präsidenten zu bändigen und seine Politik zu untergraben, um Schaden vom Land abzuwenden.

Trump reagierte zornig und nannte den Autor eine Gefahr für die „nationale Sicherheit“. Unmittelbar nach Veröffentlichung des Essays mit dem Titel „Ich bin Teil des Widerstands innerhalb der Trump-Regierung“ am Mittwochnachmittag (Ortszeit) in der „New York Times“ setzten in Washington hitzige Spekulationen über die Identität des Autors ein. Vizepräsident Mike Pence, Außenminister Mike Pompeo und der Nationale Geheimdienstdirektor Dan Coats sahen sich veranlasst, eine Verantwortung für den Beitrag zu dementieren, da sie als mögliche Autoren genannt wurden. Auch Verteidigungsminister James Mattis bestritt, den Text geschrieben zu haben.

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Trump bezichtigte den Autor im Kurzbotschaftendienst Twitter in plakativen Großbuchstaben des möglichen „Landesverrats“. Er appellierte an die Zeitung, diesen „auszuliefern.“

Die Veröffentlichung eines anonymen Meinungsbeitrags sei ein „seltener Schritt“, räumte die Zeitung ein. Allerdings sei der Job des Autors gefährdet, wenn sein Name genannt werde. „Wir glauben, dass die anonyme Veröffentlichung dieses Essays der einzige Weg ist, unseren Lesern eine wichtige Sichtweise zu liefern“, rechtfertigte sich die „New York Times“.

In dem Essay wird das Bild einer gespaltenen Regierung gezeichnet. Hochrangige Mitglieder bemühen sich demnach in aktivem Widerstand ständig darum, die „fehlgeleiteten Impulse“ des Präsidenten zu bändigen und seine „schlimmsten Einfälle“ zu vereiteln: „Ich sollte das wissen. Ich bin einer von ihnen“, schreibt der Autor.

Er fällt ein vernichtendes moralisches Urteil: „Die Wurzel des Problems ist die Unmoral des Präsidenten.“ Als Beispiel werden Trumps „Vorliebe für Autokraten und Diktatoren“ wie den russischen Staatschef Wladimir Putin und Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un genannt, während er gleichzeitig die traditionellen Verbündeten der USA gering schätze.

Der Autor preist die „unbesungenen Helden“ in der Regierung, die für den Schutz der „demokratischen Institutionen“ vor dem Präsidenten kämpften. Sie hätten auch dafür gesorgt, dass Russland für seine mutmaßlichen Einmischungen in die US-Wahl bestraft wurde und die Kooperation mit den Verbündeten weiterläuft.

Die Schilderungen stimmen in wesentlichen Punkten mit dem Woodward-Buch „Fear“ (Angst) überein, aus dem die „Washington Post“ am Dienstag im Vorfeld der Veröffentlichung Auszüge veröffentlicht hatte. Auch der Starreporter, der in den 70er-Jahren durch seine Enthüllungen zur Watergate-Abhöraffäre rund um den später zurückgetretenen Präsidenten Richard Nixon weltberühmt geworden war, schildert intensive interne Anstrengungen zur Eindämmung mancher Vorhaben von Präsident Trump.

Der Zeitungsbeitrag geht jedoch über die bisher veröffentlichten Exzerpte des Woodward-Buchs sogar noch hinaus. So berichtet der Autor, dass Regierungsmitarbeiter bereits kurz nach Trumps Amtsantritt Ende Jänner 2017 die Anwendung des 25. Verfassungszusatzes diskutiert hätten, wonach ein US-Präsident wegen Amtsunfähigkeit abgesetzt werden kann. Da jedoch niemand eine „Verfassungskrise“ habe auslösen wollen, sei auf ein solches Vorgehen verzichtet worden.

Ein Pence-Sprecher bestritt, dass sein Chef hinter dem Artikel stecke: Der Vizepräsident schreibe grundsätzlich seinen Namen unter seine Kommentare, einige Beobachter vermuten Pence hinter dem Meinungsstück, da darin das Wort „lodestar“ (Leitstern) auftaucht, das der Vizepräsident häufiger in seinen Reden verwendet.

Auch Außenminister Pompeo dementierte, den Text verfasst zu haben. Bei einem Besuch in Neu Delhi sagte er, sollte der Verfasser tatsächlich ein Regierungsmitarbeiter sein, handle es sich um eine „unzufriedene“ und „betrügerische“ Figur.

Geheimdienstdirektor Coats wiederum nannte die Spekulationen über seine mögliche Autorenschaft „falsch“. Alle seine Anstrengungen seien darauf gerichtet, den Präsidenten mit dem bestmöglichen Geheimdienstmaterial zu versorgen.

Eine Sprechering des Pentagon sagte zu einer möglichen Autorenschaft von Verteidigungsminister Mattis: „Es war nicht sein Kommentar.“