Internet & Canettis „Hetzmasse“

Virtueller Hass trug zum Tod der Ärztin Lisa-Maria Kellermayr bei

Gedenkveranstaltung für die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr am Montag in Linz.
Gedenkveranstaltung für die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr am Montag in Linz. © APA/fotokerschi.at/Draxler

„Die Hetzmasse bildet sich im Hinblick auf ein rasch erreichbares Ziel. Es ist ihr bekannt und genau bezeichnet, es ist auch nah.“

So beginnt das Kapitel 1.16 über „Hetzmassen“ in Elias Canettis Werk „Masse und Macht“. Das Buch, übrigens unter gewichtiger Mitarbeit von Canettis Lebensgefährtin Veza geschrieben, erschien 1960.

Elias Canetti hatte seine Studien rund 30 Jahre betrieben, die desaströsen Erfahrungen des Nationalsozialismus bildeten eine wesentliche Folie. Canetti, jüdischer Herkunft, emigrierte 1938 nach dem „Anschluss“ Österreichs von Wien nach London. 1981 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

„Ein wichtiger Grund für das rapide Anwachsen der Hetzmasse ist die Gefahrlosigkeit des Unternehmens. Es ist gefahrlos, denn die Überlegenheit aufseiten der Masse ist enorm. Das Opfer kann ihnen nichts anhaben.“

Die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr wollte nicht mehr leben. Sie wurde am Freitag tot in ihrer Ordination aufgefunden. Kellermayr behandelte Corona-Patienten und warb für die Impfung. Virtuell, vor allem via Telegram, schlug ihr dafür viel Hass entgegen.

„Erregung von Blinden“

„Die Eile, Gehobenheit und Sicherheit einer solchen Masse hat etwas Unheimliches. Es ist die Erregung von Blinden, die am blindesten sind, wenn sie plötzlich zu sehen glauben.“

Canettis Hetzmasse hat sich (zum Teil) ins Internet verlagert. Ein noch immer schwer zu fassendes Phänomen, zusammengefasst im Begriff „Hass im Netz“. Juristisch und politisch wird nach Regulierungen gesucht.

„Alle Formen der öffentlichen Hinrichtung hängen an der alten Übung des Zusammen-Tötens. Der wahre Henker ist die Masse, die sich um das Blutgerüst versammelt.“

Menschen sind komplexe Wesen. Wann gewinnt die Verzweiflung die Oberhand? Beim Tod von Frau Dr. Kellermayr spielten vermutlich monatelange Beschimpfungen, Bedrohungen eine entscheidende Rolle.

„Der Abscheu vor dem Zusammen-Töten ist ganz modernen Datums. Man überschätze ihn nicht.“

Der dunkle, zerstörerische Massentrieb ist für Canetti nicht etwas Neues, sondern archaisch, dem Menschen immer möglich. Dessen Eindämmung wäre eine zivilisatorische Aufgabe. Canetti wusste noch nichts vom Internet, als Medium öffentlicher Hinrichtung nannte er vor 60 Jahren „die Zeitung“. Die ungeheuerliche Dynamik von Social media, die heute das Soziale in Gesellschaften zu pulverisieren droht, findet sich andeutungsweise in Canettis Beschreibung des anonymen Geiferers:

„Man sitzt in Ruhe bei sich und kann unter hundert Einzelheiten bei denen verweilen, die einen besonders erregen. Man akklamiert erst, wenn alles vorüber ist, nicht die leiseste Spur von Mitschuld trübt den Genuss.“

Lisa-Maria Kellermayr war eine mutige Frau. Virtueller Hass wird weiterhin Menschen an den Rand der Verzweiflung bringen.

Von Christian Pichler

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