Irgendwann zurück ins Leben

Online-Tanz: Mei Hong Lins „Liebesbrief“ im Linzer Musiktheater

Safira Santana Sacramento und Pedro Mayette in „Liebesbriefe“
Safira Santana Sacramento und Pedro Mayette in „Liebesbriefe“ © Vincento Laera

Das Ensemble erst noch verhuscht, verschreckt, steif in den Hüften. Der Bühnenhintergrund ein Halbrund aus aufgestellten Rechtecken, darin vorgefertigte Schablonen menschlicher Körper, denen die Tänzer gerade entkommen sind.

Ein Zurücktasten ins Leben, tolldreiste Musik unterstreicht den Slapstick-Charakter der Szenerie. Dem sogenannten Schicksal den entblößten Hintern zu zeigen, ist eine schöne Tradition in der Kunst. Charlie Chaplin, der mitten in der Wirtschaftsdepression einen Schuh verspeiste.

Annäherung mit komödiantischen Mitteln

Mei Hong Lin, Choreografin und Tanzchefin des Linzer Musiktheaters, nähert sich der Pandemie mit komödiantischen Mitteln und wechselt die Tonalität, wenn sie den Umgang mit dem Planeten und einsames Sterben verhandelt. Premiere des 75-minütigen Tanzstücks „Liebesbrief“, zugleich erste „Netzbühne“-Premiere des Landestheaters, war am Samstag.

Den bekannten Umständen geschuldet als Videostream ohne Publikum im Haus, dafür vor elektronischen Geräten. Botschaften von drinnen nach draußen, die Adressaten auch in einem „Drinne“. Grotesk genug, Humor eine probate Reaktion.

Es war herzerwärmend

Obendrein war’s herzerwärmend, wie das exzellente Ensemble zentrale Momente der letzten Monate tänzerisch umsetzte. Zehn Kapitel, von „Bunte Gesellschaft“ über „Abstand bitte!“ bis zu „Abschied“.

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Dirk Hofacker gestaltete liebevoll Bühne und Kostüme (private Wäsch´!), illustriert Isolation, Natursehnsucht, digitale Kontaktaufnahmen. Klopapier wird gehortet und als begehrtes Objekt umgarnt, trautes Heim kippt in zähes, „eingestricktes“ Dasein. Die Tänzer in beweglichen Kästchen, zu einer transparenten Häuserfassade angeordnet, Menschen getrennt in Bienenwaben.

Absurder Frohsinn, Tänzer mit Gasmaske oder gummiartigem Mund-Nasen-Schutz, der kurz angehoben wird: Hatschi! Körper und Körperlichkeit, erotisches Begehren. Auf den Rücken binäre Codes, digital erfasster Staatsbürger. Virtuell die Urlaubsträume, knackige Burschen in Badehosen surfen auf mannsgroßen Smartphones.

Die Zukunft, die „Normalität“. Und der Tod. An netzartigem Umhang baumeln Plastikflaschen, zurück zu irrem Konsumieren? Ein manipulatives „Wir“ flutet während der Pandemie die Infokanäle, Mei Hong Lin fragt nach einem aufrichtigen Wir. Das Finale eine Sterbende, von den anderen zärtlich umsorgt. Betörend, künstlerische Gegenwelt zu einer oft bitteren Realität.

Diese „Liebesbriefe“ sind berührend, witzig, fein durchdacht. Alles Jammern umsonst, auf der echten Bühne wär´s gewiss wunderschön anzusehen.

Bis 10. April als Videostream, landestheater-linz.at/netzbuehne

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