Irrfahrten eines Freigeistes

    Premiere: Umjubelter „Eugen Onegin“ am Linzer Musiktheater

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    Der intensiv agierende Martin Achrainer als Eugen Onegin.
    Der intensiv agierende Martin Achrainer als Eugen Onegin. © R. Winkler

    Von Paul Stepanek

    Peter Iljitsch Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ feierte am Samstag im Linzer Musiktheater eine bejubelte Premiere. Die Aufführung unterstreicht mit ihrer glänzenden Interpretation der genialen Musik Tschaikowskys eher nicht den Charakter einer „Oper“, trifft aber haargenau den vom Komponisten selbst gewählten Untertitel „Lyrische Szenen“. Es geht kaum um Handlung im eigentlichen Sinn, sondern um schicksalhafte Lebensstationen des Dandys und Freigeistes Onegin, der — dem Grundgedanken von Puschkins Versroman entsprechend — gewissermaßen als Gefangener seines „Anders- und Dagegenseins“ gezeichnet ist.

    Einfache, aber effiziente Bühnenidee

    Die Inszenierung Gregor Horres‘ versucht, gestützt auf eine einfache, aber effiziente Bühnenidee und passende Kostüme (Jan Bammes), die vielen gedanklichen Implikationen dieser „lyrischen Szenen“ spürbar zu machen, was ihr im Zuge des Geschehens zunehmend gelingt. Eine Ansammlung von mehr oder weniger geordneten Sesseln auf einem riesigen multifunktionalen Bühnenelement gibt anfangs Rätsel auf, die aber assoziativ entschlüsselt werden können: Der Sessel, Sitz oder Platz ist ein geradezu sprichwörtliches Symbol, das in unseren alltäglichen Redensarten einen nicht unbedeutenden „Platz“ einnimmt: Man kann „sitzen bleiben“, jemanden „sitzen lassen“, einen Sessel „besetzen“, ihn „unterm Hintern wegziehen“, angesichts vieler Sessel sich für keinen entscheiden, die „Sitzordnung“ halten oder ignorieren und einfach „fehl am Platz“ sein. All dies spiegelt sich in der Geschichte Onegins, die in Horres‘ Regie den Blick freimacht für weitere Gedankenspiele: Freigeist versus biedermeierliche Schablone, romantische Schwärmerei in den Fesseln von Konvention und Tradition, Karikatur der Idylle und versteckte Sozialkritik; alles wohl von Puschkin, dessen Biografie Elemente jener Onegins enthält, so beabsichtigt.

    Suganandarajah feiert gelungenes Debüt

    Die musikalische Deutung der „Lyrischen Szenen“, die sich freilich immer wieder hochdramatisch entwickeln, lässt kaum Wünsche offen. Leslie Suganandarajah feiert am Pult des Bruckner Orchesters ein gelungenes Debüt. Er breitet gemeinsam mit dem Orchester einen dynamisch hoch differenzierten Klangteppich aus und lässt zusammen mit den vokalen Protagonisten die Ideen des Komponisten buchstäblich aufblühen. Auch auf der Bühne werden positive Gefühle und Reflexionen vorrangig entwickelt. Izabela Matula gibt der Tatjana in Stimme und Spiel mit ihrem wandlungsfähigen Sopran tiefgehende Konturen und nimmt dem intensiv agierenden und singenden Onegin Martin Achrainers manchmal die „Bühnenherrschaft“ ab. Ihr emotional sehr nahe kommt der voluminöse Tenor von Rafal Bartminski als Lenski. Michael Wagner leiht seinen großen Bass beeindruckend dem Fürsten Gremin. Katherine Lerner spielt Mutter Larina eher als Karikatur, so wie Matthäus Schmidlechner als Triquet eine wunderbare Persiflage auf „Opernschmalz“ abliefert. Valentina Kutzarowa zeichnet sehr schön die behütende Amme Filipjewna, Jessica Eccleston gibt eine quirlige Olga, und Tomaz Kovacic glänzt als Saretzki mit fülligem Bass. Der Landestheater-Chor, von Martin Zeller bestens einstudiert, bewältigt seine vielen, auch szenischen Aufgaben wie immer bravourös.

    Großer Schlussapplaus spiegelte die Zufriedenheit des Premierenpublikums mit einem berührenden Erlebnis.

    • Vorstellungen bis 28. Juni; Karten: 0800/218000