Italiener Jacobs gewinnt 100 m der Männer in 9,80

Der Italiener Lamont Marcell Jacobs ist der Thronfolger: Der in El Paso, Texas, geborene 26-Jährige hat am Sonntag den Olympischen 100 m Sprint der Männer im Olympiastadion von Tokio überraschend in der neuen Europa-Rekordzeit von 9,80 Sekunden gewonnen und damit den zurückgetretenen jamaikanischen Sprint-Superstar Usain Bolt beerbt. Ein weiteres Highlight war der Sieg der Venezolanerin Yulimar Rojas im Dreisprung mit der Weltrekordweite von 15,67 Meter.

Zweiter wurde der US-Amerikaner Fred Kerley in 9,84 Sekunden, Dritter der Kanadier Andre de Grasse in 9,89. Jacobs war damit der ebenso überraschende Schlusspunkt eines an Überraschungen reichen Bewerbs. So zitterte sich der Jahresweltbeste Trayvon Bromell (USA) nur über die Zeitregel ins Semifinale, um dort als Dritter seines Laufs auszuscheiden. Die jamaikanischen Dominatoren der vergangenen Jahre auf den Sprintstrecken schafften es ebenfalls nicht in den Endlauf.

So wurde der Chinese Su Bingtian als Schnellster der Semifinali (9,83) zum Favoriten. In diesem Lauf kam Jacobs in 9,84 ins Ziel, war aber „nur“ Dritter und qualifizierte sich über die Zeitregel. Dort aber kam er gut aus den Startblöcken, während der favorisierte Chinese „sitzen blieb“ und über den sechsten Platz nicht hinauskam.

Jacobs ist über 100 m Bolts Nachfolger. Dabei war er nun sogar eine Hundertstelsekunde schneller als der Jamaikaner bei seinem letzten 100-m-Olympiasieg in Rio de Janeiro 2016. Von seiner Statur und auch von seinem Laufstil erinnert der verheiratete Vater zweier Söhne aber nicht unbedingt an den eleganten Jamaikaner. Eher kommt einem der frühere, hoch aufgeschossene, gleichwohl bullige britische Sprintstar der 90er-Jahre, Linford Christie, in den Sinn. Jacobs Mutter ist Italienerin, er zog als Kind nach Italien.

Erstaunlich ist auch die Entwicklung von „Crazy“ – so sein Spitzname – zum schnellsten Sprinter der Olympischen Spiele in Tokio: Erst heuer knackte er erstmals die Zehn-Sekunden-Grenze. Auch sonst hat er es mit der Geschwindigkeit: Sein Held ist Formel-1-Superstar Lewis Hamilton. Und Jacobs ist auch ein guter Weitspringer: Indoor hat er bereits die Acht-Meter-Marke übertroffen. Sein Ziel, wie sein Vater Basketballer zu werden, verfehlte er, möglicherweise auch wegen seiner Körpergröße, die ihn wohl allenfalls als Point Guard prädestiniert hätte.

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Jacobs konnte es gar nicht glauben: „Es ist ein Traum, ein Traum, es ist fantastisch, vielleicht kann es ich morgen realisieren, was die alle sagen, aber heute ist es unglaublich.“ Und er dachte an seine Verwandten: „Ich danke meiner Familie, die mich immer unterstützt hat. Meinen Kindern, meiner Mutter, die mein Nummer-eins-Fan ist, seit ich ein Kind war.“

Im Dreisprung der Frauen gab es einen Weltrekord. Yulimar Rojas aus Venezuela setzte ihre Füße bei 15,67 m in den Sand. Sie verbesserte bei ihrem Goldsprung vor Patricia Mamona (POR/15,01) und Ana Peleteiro (ESP/14,87) die von der Ukrainerin Inessa Krawez seit 1995 mit 15,50 gehaltene Bestmarke.

Es war ein Rekord mit Ansage: Gleich im ersten Versuch kam die 25-Jährige aus Caracas auf 15,41 Meter. Im dritten Versuch landete sie bereits deutlich über der Weltrekordmarke, hatte aber übertreten. Im letzten Versuch klappte es schließlich regulär. „Goldmedaillengewinnerin und ein Weltrekord, das ist eine fantastische Nacht. Ich wusste, ich habe es heute in den Beinen“, zeigte Rojas sich begeistert.

Nur wenige Minuten vor dem Sieg von Jacobs gab es ein weiteres Leichtathletik Gold für Italien durch Gianmarco Tamberi im Männer-Hochsprung. Der 29-Jährige teilte sich die Goldmedaille mit dem Katari Mutaz Essa Barshim, die beide 2,37 Meter im Hochsprung im ersten Versuch überquerten und bis dahin keinen Fehlversuch hatten.

Nachdem sie dreimal an 2,39 Meter gescheitert waren, einigten sie sich schnell unter Zuhilfenahme des Kampfgerichts auf den Ex-Aequo-Sieg und lagen einander in den Armen. „Können wir zwei Goldmedailen haben?“, hatte Barshim den Offiziellen gefragt, der ihnen ein Stechen offeriert hatte. Dritter wurde der Belorusse Maksim Nedasekau, der ebenfalls 2,37 Meter übersprang, aber an seiner Einstiegshöhe 2,19 Meter einmal gescheitert war.

Während Tamberi seinen Landsmann Jacobs umarmte, konnte auch Barshim es kaum glauben. „Das fühlt sich unwirklich an. Es ist das Einzige, das mir im Hochsprung noch gefehlt hat.“

Für ein weiteres Highlight sorgte die Hürdensprinterin Jasmine Camacho-Quinn aus Puerto Rico, die ihr Semifinale über 100 Meter Hürden im neuen Olympischen Rekord von 12,26 Sekunden gewann. Im Finale könnte damit auch der Weltrekord (12,20) von Kendra Harrison (USA), 2016 in London gelaufen, in ernster Gefahr sein. Auch die Zeiten von Camacho-Quinns Konkurrentinnen waren sehr schnell.

Bereits in der Vormittagssession errang die Chinesin Gong Lijiao Gold im Kugelstoßen. Sie setzte sich mit 20,58 Metern vor der US-Amerikanerin Raven Saunders (19,79) und der neuseeländischen Doppel-Olympiasiegerin (2008 und 2012) Valerie Adams (19,62) durch.

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