Ivo van Hove bringt Fleißers „Ingolstadt“ nach Salzburg

Die erste Schauspiel-Neuproduktion der Salzburger Festspiele 2022 gilt am 27. Juli Marieluise Fleißer. „Wir haben aus ‚Fegefeuer in Ingolstadt‘ und ‚Pioniere in Ingolstadt‘ ein neues Stück gemacht“, sagt Ivo van Hove. „Wir nennen es ‚Ingolstadt‘. Es ist eine mythische Stadt wie Mahagonny: eine Metapher für eine Welt, in der die jungen Leute um ihre Zukunft kämpfen. Fleißer ist nie sentimental. Sie ist hart und rücksichtslos. Sie zeigt nur hier und da einen Funken Hoffnung.“

Im bayerischen Ingolstadt ist die Autorin Fleißer (1901-1974) geboren und gestorben und hat den größten Teil ihres Lebens verbracht. Ihre größten Erfolge feierte sie aber in Berlin, als sie im Umfeld von Lion Feuchtwanger und Bertolt Brecht zur literarischen Prominenz der Weimarer Republik gehörte. Ihre vorübergehende Wiederentdeckung erfolgte durch die „jungen Wilden“ Franz Xaver Kroetz, Rainer Werner Fassbinder und Martin Sperr Anfang der 1970er. „Sie ist eine vergessene, aber großartige Autorin“, versichert Regisseur Van Hove im Gespräch mit der APA: „Sie erzählt einfache Geschichten über einfache Menschen und führt uns dabei in eine düstere, fast mittelalterlich anmutende Welt.“

Beide Stücke, das 1924 geschriebene „Fegefeuer in Ingolstadt“ und die „Pioniere in Ingolstadt“, dessen erste Fassung aus 1928 stammt, seien Sozialdramen, in denen die vernichtende Kraft von Machtstrukturen analysiert werden, erläutert der Regisseur, der mit dieser Koproduktion mit dem Burgtheater sein Debüt sowohl in Salzburg als auch in Wien gibt, wo bisher nur Gastspiele einiger seiner Produktionen bei den Festwochen zu sehen waren und „Ingolstadt“ ab 4. September gezeigt wird. Im ersten Stück gehe es in fast alttestamentarischer Wucht um die Bedeutung von Religion und Kirche, im zweiten um militärische Hierarchien. Der Druck wird von oben nach unten weitergegeben. Auf der Strecke bleiben die Frauen. Es gilt das Gesetz des Rudels: Der Schwächste bekommt alles ab.

„In unserer Fassung gibt es 18 Rollen. Fast alle sind junge Menschen. Es ist eine Jugend, die – anders als einst ihre Eltern – keine Hoffnung mehr hat. Für sie gibt es keine Zukunft. Die Parallele zu heute ist auch ohne irgendeine Aktualisierung überdeutlich“, erklärt der Regisseur. Damit meine er aber nicht nur die Perspektivlosigkeit der heutigen Generation und die tristen sozialen wie ökologischen Aussichten. „Vergessen wir nicht, dass wir heute in einer Zeit leben, in der Gewalt wieder akzeptabel ist, um ein Ziel zu erreichen – die Beispiele reichen von Trump bis Putin, umfassen aber auch manche neue soziale und populäre Bewegungen.“

Auf der Perner-Insel entsteht ein Bühnenraum, in dem Wasser eine große Rolle spielt. „In diesem Raum gibt es wie in einem Bruegel-Gemälde viele Figuren und viele Situationen. Fleißer hat nicht nur psychologische Entwicklungen beschrieben, sondern zeigt das Verhalten von Menschen in bestimmten Situationen.“

Für den 63-jährigen Belgier, der seit langem auch in der deutschsprachigen Theaterszene zu Hause ist, hat Fleißer etwas sehr Spezifisches, das nur im deutschen und österreichischen Raum gänzlich verstanden wird. „Sie zu übersetzen wäre schwierig. In Amsterdam oder New York würde ich sie nicht inszenieren.“ Im Big Apple, wo er 2020 am Broadway die „West Side Story“ neu erzählte, ist er an der Metropolitan Opera mit „Don Giovanni“ und „Dead Man Walking“ ein gefragter Regisseur.

Doch auch in Deutschland erhält von Hove, der 1998 bis 2004 das Holland Festival leitete, demnächst einen wichtigen neuen Job: 2024 übernimmt er von Barbara Frey für drei Jahre die Ruhrtriennale. Ein Schwerpunkt soll dabei dem Musiktheater gewidmet sein.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

„Ingolstadt“, nach den Stücken „Fegefeuer in Ingolstadt“ und „Pioniere in Ingolstadt“ von Marieluise Fleißer in einer Bearbeitung von Koen Tachelet, Regie: Ivo van Hove, Bühne: Jan Versweyveld, Kostüme: An D’Huys, Musik: Erich Sleichim, Dramaturgie: Koen Tachelet, Sebastian Huber. Mit Marie-Luise Stockinger – Olga, Jan Bülow – Roelle, Dagna Litzenberger Vinet – Alma, Lilith Häßle – Berta, Maximilian Pulst – Korl, Tilman Tuppy – Peps, Jonas Hackmann – Fabian, Lukas Vogelsang – Christian, Lili Winderlich – Clementine, Gunther Eckes – Münsterer, Julian von Hansemann – Rosskopf, Oliver Nägele – Berotter/Unertl/Feldwebel/neuer Feldwebel, Rainer Galke – Protasius, Elisabeth Augustin – Roelles Mutter, Etienne Halsdorf – Jäger. Salzburger Festspiele, Perner-Insel, Premiere: 27. Juli, 19.30 Uhr. Weitere Aufführungen am 29. und 30. Juli sowie am 1., 2., 4., 5. und 7. August. Koproduktion mit dem Burgtheater. Wien-Premiere am 4. September. salzburgerfestspiele.at

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