Jelineks “Am Königsweg” in St. Pölten

So präsent war die scheue Literaturnobelpreisträgerin schon lange nicht mehr: Drei ausgezeichnet gelungene Jelinek-Klappmaulpuppen und die manche Passagen selbst vorlesende Original-Stimme der Autorin hat Nikolaus Habjan für seine Österreichische Erstaufführung des Trump-Stückes “Am Königsweg” aufgeboten. Die Premiere am Landestheater Niederösterreich wurde am Samstag mit viel Beifall bedacht.

Der 2017 in Hamburg uraufgeführte und zum “Stück des Jahres” gewählte Jelinek-Text ist nicht unproblematisch. Er arbeitet sich an einem US-Präsidenten ab, der an sich bereits eine Witzfigur ist und die Bestätigungen dazu unablässig selbst liefert. Er hat Pointen und Kalauer, Ecken und Kanten, aber auch Leerläufe. Und er benötigt zur Textspur Bildfindungen, die dem Gesagten etwas Eigenes entgegenstellen.

In St. Pölten hat Jakob Brossmann das Oval Office des Weißen Hauses auf die Drehbühne gestellt. Puppenmagier Nikolaus Habjan hat Jelinek beim Wort genommen und wie von ihr gewünscht mit einigen Figuren das Personal der Muppetshow nachempfunden: Miss Piggy als Seherin mit blutigen Augen, Frosch Kermit, der langnasige Gonzo, Waldorf und Statler. Dazu gibt es gleich zwei Trumps mit der charakteristischen blonden Sturmhaubenfrisur und kleinkindhaftem Verhalten.

Das Zentrum der zweistündigen pausenlosen Aufführung bildet jedoch die Autorin selbst. Ein Puppen-Alter-Ego tritt gleich zu Beginn via Tonband mit der Autorin in Dialog. Ihre selbstironischen Seitenhiebe auf das eigene Tun kommen beim Publikum gut an, jene Szene, in der in einer kleinen Operation der Jelinek-Puppe die Augen ausgeschabt werden, da Seherinnen blind zu sein haben, zählt zu den stärksten Momenten der Aufführung. Man leidet mit der Puppe wie mit einem echten Menschen mit. Am Ende wird es sogar ein Jelinek-Trio sein, das den Lauf der Welt beklagt: “Bitte seien Sie mir nicht böse und hören Sie lieber nicht auf mich!” Dann sausen die Schiebefenster nach der Art eines Fallbeils herab und trennen die drei Jelinek-Köpfe von ihren Rümpfen.

Das Ensemble (die Schauspieler Hanna Binder, Tim Breyvogel, Sabrina Ceesay, Bettina Kerl und Tilman Rose sowie die Puppenspielerin Manuela Linshalm) bewährt sich in der für Habjan-Inszenierungen charakteristischen Durchmischung von Puppen und Menschen. Aktuelle Politik wie der von Trump angestrebte Mauer-Bau verbindet sich mit der griechischen Antike (Sophokles’ “König Ödipus”) und dem Alten Testament (die Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham) zu einer bunten Mischung, der es manchmal an Wildheit und Tempo mangelt.

So elegant die Kostüme Cedric Mpakas sind, so löblich Habjans Intention, die Textverständlichkeit nicht zu gefährden, wünschte man sich gelegentlich mehr Anarchie auf der Bühne. Dass Politiker vom Schlage Trumps nicht nur lächerlich, sondern auch höchst gefährlich sind, dieses Grundgefühl vermisst man ein wenig an diesem Abend. Den einzigen Lacher gab es übrigens bei einem Kalauer rund um das Wort “kurz”. Vielleicht kommt Jelinek nach dem “Königsweg” ja auch noch einmal in die “Kanzlergasse”.

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