Jeunesse-Chefin Landlinger: “Wahnsinnig spannende Situation”

Das nennt man wohl einen Kaltstart in den neuen Job: Seit dem 16. März steht Madeleine Landlinger als Karenzvertretung an der Spitze der Jeunesse, einem der größten Musikveranstalter des Landes mit einem Fokus auf Kinder und Jugendliche. “Ich bin seit meinem ersten Arbeitstag im Home-Office”, nimmt die Musikmanagerin im APA-Gespräch die Lage aber mit Humor.

“Es ist einfach auch eine wahnsinnig spannende Situation”, unterstreicht die neue künstlerische Leiterin der Jeunesse: “Ich kann vielleicht durch meinen frischen Blick von außen Lösungsmöglichkeiten aufzeigen. Wir müssen jetzt einfach das Beste aus der Situation herausholen. Solch eine Situation brauche ich nicht regelmäßig, aber ich nehme die Herausforderung an!”

Und die ist nicht gering. Fix könne man bereits jetzt von 61 ausgefallenen Konzerten bis zum derzeit in Aussicht stehenden Schließdatum 13. April sprechen, was 180.000 Euro an entgangenen Ticketerlösen nach sich ziehe. Sollte die gesamte laufende Saison ausfallen, kämen weitere 150 Veranstaltungen hinzu – worauf sich die Einnahmeausfälle auf 950.000 Euro summieren würden.

Hier falle der Jeunesse gleichsam auf den Kopf, dass man mit 65 Prozent zu jenen Kulturbetrieben gehöre, die einen sehr hohen Eigenfinanzierungsanteil hätten. “Diejenigen Institutionen und Künstler, die sich stets in hohem Maße über die Ticketerlöse finanziert haben und als dynamisch und unabhängig gefeiert wurden, sind nun genau diejenigen, die am meisten unter der Krise leiden”, gibt Landlinger zu bedenken.

Fix habe man die aktuelle Spielzeit noch nicht abgeschrieben. “Es ist aber zumindest so, dass wir diese Option mitdenken müssen”, so die Jeunesse-Chefin, die gemeinsam mit der kaufmännischen Leiterin Alexandra Jachim die Geschäfte führt. Ein wichtiges Signal sei, dass bereits fast alle Bundesländer zugesagt haben, beschlossene Förderungen auch bei einem Ausfall von Veranstaltungen auszuzahlen. “Was mir in Österreich momentan aber noch fehlt, sind die konkreten Kulturfördertöpfe, die kurzfristig wirken.” Hier gehe es um die fehlende Deckungsbeiträge, die man nun nicht erwirtschaften könne.

Man müsse mitbedenken, dass die Jeunesse das Podium der Jugend sei. “Es trifft also die Schwächsten und diejenigen, die noch am meisten Zukunft vor sich haben, wenn hier reduziert werden muss.” Das gelte nicht zuletzt für den großen Educationbereich. Fix beschlossen ist bereits, dass die beiden traditionellen Orchestercamps im Sommer entfallen werden. “Das Risiko der Gesundheitsgefährdung ist in diesem Falle einfach zu groß”, so Landlinger.

Dennoch gelte es, den Kopf nicht in den Sand zu stecken. “Jede Krise ist auch eine Chance. Und wir sind alle auf der Suche nach der Zauberformel”, unterstreicht die Musikmanagerin. Im Bezug auf die Technologisierung der Arbeitswelt seien bereits jetzt viele Vorurteile gefallen. “Und wenn die Krise Wege kürzer macht und dazu führt, dass Lösungen schneller umgesetzt werden, wäre schon viel gewonnen.”

Es ergäben sich aktuell Freiräume, die man nutzen könne. “Ich glaube, dass der Gang ins Digitale nun schneller stattfindet, und ich hoffe, dass eine Kraft entsteht, Lösungen für Herausforderungen zu finden, die sich uns seit Jahren stellen”, so Landlinger optimistisch.

Zugleich müsse man klar sagen, dass diese Neuausrichtung und die kreativen Thinktanks nicht ohne Budget und eine entsprechende Anschubfinanzierung machbar seien: “Da sind unsere Fördergeber etwa in Form eines Innovationsfonds auch langfristig gefragt.” Diejenigen, die den Umstieg vorantrieben, müssten zusätzliche Mittel erhalten.

Dabei verliert man aber auch nicht die Planungen für die neue Saison 2020/21 aus den Augen, für die man jetzt die neuen Abos aufgelegt hat. Der Livemoment sei schlicht auch durch den perfektesten Mitschnitt nicht zu ersetzen, zeigt sich Landlinger überzeugt: “Erst, wenn man etwas nicht mehr hat, wird einem vielleicht bewusst: Ich will den Schweiß des Dirigenten und die glänzenden Augen den Musiker sehen.”

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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