Johannes Krisch als „Bockerer“ in der Josefstadt gefeiert

Mit zehn Monaten Verzögerung hat Johannes Krisch endlich zeigen können, wie er den Fleischhauer Karl Bockerer anlegt: deutlich kantiger, verbitterter, kämpferischer, schlicht weniger gemütlich-verbindlich als die Darstellung von Karl Merkatz, die sich auf ewig in das nationale Gedächtnis Österreichs eingebrannt hat. Am Ende der coronabedingt verschobenen Premiere der Inszenierung von Stephan Müller gab es im Theater in der Josefstadt am Samstag Standing Ovations für Krisch.

Dabei hatte der mit Pause zwei Stunden 35 Minuten dauernde Abend gar nicht so umwerfend begonnen. Bühnenbildnerin Sophie Lux setzt auf den Einsatz interessanter Schwarz-Weiß-Videos (und lässt vor Beginn der Vorstellung auf dem Eisernen Vorhang eine Hakenkreuz-Sonne über Wien aufgehen), ansonsten aber auf spärliche Dekorationsversatzstücke unter einem großen, über der Bühne schwebenden Schweinskopf. Im Verein mit Birgit Hutters konventionellen Kostümen, einigen Nazipappkameraden und einer trockenen bis routinierten Spielweise ergibt das in der ersten Stunde viel Bühnenstaub und wenig ersichtlichen Grund, das vor allem durch die Verfilmung Franz Antels populär gewordene Stück von Ulrich Becher und Peter Preses jetzt wieder auf die Bühne zu bringen. Dann ist Pause.

„Ich habe mir die Erlaubnis von Karl Merkatz geholt“, hatte Johannes Krisch verlauten lassen, als bekannt gegeben wurde, dass er den renitenten, nur scheinbar apolitischen Selchermeister aus der Paniglgasse spielen werde, der im Laufe der Jahre zum Gegenstück des ewig mitlaufenden Herrn Karl wurde (diesen interpretiert derzeit Andreas Vitásek im Rabenhof, der sich dafür die Erlaubnis von Helmut Qualtinger nicht mehr einholen konnte). Seine Interpretation gewinnt erst mit der Auseinandersetzung mit seinem Sohn Hans (Tobias Reinthaller) an Tiefe. Der missratene Sprössling ist ein glühender Nazi und läuft – von der Mutter (Alexandra Krismer) angehimmelt – wie ein SA-Mann aus dem Bilderbuch herum. Als der Vater einen Streit mit deutschen Parteigenossen anfängt, schreitet er mit dem Gummiknüppel ein, lässt danach den Bockerer und seinen kommunistischen Freund (Martin Zauner) laufen – um sie später erst recht an seine Vorgesetzten zu verpfeifen. Der Freund wird in der Folge in Dachau ermordet, Hans von seinem Vater verstoßen. Als er eingezogen wird und an die Ostfront muss, finden Vater und Sohn wieder zu einander. Doch der „Heldentod“ vor Stalingrad lässt nicht lange auf sich warten.

Krischs Bockerer riskiert viel. Er stellt sich gegenüber dem Gestapo-Verhörspezialisten (Ulrich Reinthaller, der in einer Doppelrolle auch den jüdischen Tarockpartner Dr. Rosenblatt spielt, der später als US-Offizier zurückkehrt) dumm und brilliert in einer slapstickartigen Nummer, in der beim Aufhängen einer viel zu langen Nazifahne diese zur Roten Fahne mutiert. Nur selten traut sich Regisseur Müller, in dieser vor allem in den Nebenfiguren sehr klischierten Inszenierung offen auf Humor zu setzen. Als aber dem durch den Tod des Sohnes halb verrückt gewordenen Bockerer der wiederauferstandene Führer erscheint (der sich kurz darauf als aus Steinhof entsprungener Patient entpuppt), kennt das Publikum kein Halten mehr. Das liegt nicht nur an der gelungenen Hitler-Parodie Martin Zauners, sondern auch an einem aktuellen Extempore, als „Hitler“ von seinem Mitarbeiter Schellenberg die Zwangsjacke gereicht wird: „Immer besorgt um seinen Führer, der gute alte Schallenberg, äh Schellenberg…“ Das wird mit großem Gelächter und Szenenapplaus quittiert.

Auch Johannes Krisch sorgt bei dem Satz „Man kann’s in Wien ob kurz oder lang nicht mehr aushalten“ für die entsprechend anspielungsreiche Betonung. Den abschließenden Appell, für die künftige politische Entwicklung in der Paniglgasse Sorge zu tragen, richtet er direkt ins Publikum: „Wir müssen alle aufpassen!“ Langer, kräftiger Beifall.

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(S E R V I C E – „Der Bockerer“ von Ulrich Becher und Peter Preses, Regie: Stephan Müller, Bühnenbild und Video: Sophie Lux, Kostüme: Birgit Hutter, Musik: Nikolaj Efendi. Mit: Johannes Krisch, Alexandra Krismer/Ulli Maier, Tobias Reinthaller, Johannes Seilern, Ulrich Reinthaller, Alexander Strömer, Martin Zauner, Susanna Wiegand, Oliver Rosskopf, Johanna Mahaffy, Oliver Huether, Marcus Bluhm und Michael Würmer. Nächste Vorstellungen: 17., 20., 27. Oktober sowie am 10. und 16. November, Karten: 01 / 42700-300, )

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