Jonas Kaufmann als neuer „Peter Grimes“ in Wien gefeiert

Kann eine Stimme zu groß für eine Rolle sein? Vielleicht. Und dabei soll hier nicht von Superstar Jonas Kaufmann die Rede sein, sondern von Shootingstar Lise Davidsen, die am Mittwochabend ihr Rollendebüt als Lehrerin Ellen in der Wiederaufnahme von Benjamin Brittens „Peter Grimes“ an der Staatsoper feierte.

Die 34-jährige Sopranistin überstrahlte die teils hervorragenden Mitspieler – zu denen ebenfalls mit seinem Rollendebüt besagter Jonas Kaufmann gehörte.

Die Norwegerin stellte in Christine Mielitz‚ aus 1996 stammender Inszenierung einmal mehr unter Beweis, dass sie zu den herausragenden Stimmen der jungen Generation gehört. Eine Stimme, die im schweren Fach zu Hause ist und damit beinahe etwas zu viel Raum beansprucht als verwitwete, etwas betuliche Lehrerin Ellen Orford, die am in Brutalität leidenden Peter Grimes verzweifelt.

Zumal Jonas Kaufmann als Fischer, der am Außenseiterstatus in seinem Dorf scheitert, einen gebrochenen Peter Grimes gibt. Die Gewalt gegenüber seinen Lehrlingen entspringt nicht einem übersteigerten Testosteronspiegel, sondern der Verzweiflung, dem Scheitern an sich selbst. Sein Charakter ist nicht Sympathieträger, sondern Randfigur, die unter die Räder gerät. Schönklang ist dementsprechend nicht Kaufmanns Ziel, sondern die brüchige Existenz, die sich auch in der Stimmführung niederschlägt.

Noch dazu Bassbaritonhüne Bryn Terfel als Grimes‘ einziger Freund Balstrode, und fertig ist das Besetzungstrio für eine Wiederaufnahme, nach dem sich viele Häuser bei einer Premiere alle Finger abschlecken würden. Selbiges gilt auch für Simone Young als Herrin des Grabens, die wie schon bei der Wiederaufnahme 2005 das Orchester durch die gewaltigen Stimmungsbilder Brittens zu führen weiß. Die gebürtige Australierin meißelt mit starkem Gestus die verschiedenen Charakterzüge des Meeres heraus und lässt nie die Frage offen, wer bei diesem Dampfer das Kommando auf der Brücke hat.

Dabei segelt Christine Mielitz‚ Inszenierung aus 1996 – die erste der 1945 uraufgeführten Erfolgsoper von Britten an der Staatsoper – auch 2022 wie meist bei Arbeiten der Regisseurin im ruhigen Fahrwasser: Solide, ästhetisch, unaufgeregt, unaufregend. Meeresassoziationen durchfließen weite Teile der Inszenierung, die Bühne hebt sich wie im Tidenhub und der Bühnenhintergrund evoziert immer wieder Farbspiele des Horizonts. Einzig eine aus Neonlicht gebaute Autobahn als Weg ins Verderben fällt aus dieser Stilistik und treibt die Gesamtanmutung in Richtung einer Kraftwerk-Show aus den 90ern.

Frappant bleibt dabei, wie radikal man bei einer Inszenierung die im Stück evident angelegte Homosexualität Peter Grimes‘ eliminieren kann. Während etwa in Christof Loys erst im Oktober vom Theater an der Wien wiederaufgenommenen Regie das homosexuelle Begehren als der verdrängte Antrieb für Grimes’ Außenseitertum herausgearbeitet wird, verjüngt Mielitz die Gehilfen des Fischers auf kleinstmögliches Ausmaß, was das Alter betrifft. Der Staatsopern-„Grimes“ wird da mehr „Oliver Twist“ als semikryptische Anklage eines homosexuellen Komponisten gegen die Ignoranz der Gesellschaft. Nun gut: Eine Saison, ein Stück, zwei Theater, zwei diametrale Botschaften.

Zurück zur Ausgangsfrage: Kann eine Stimme zu groß für eine Rolle sein? In diesem Falle fällt die Antwort eindeutig aus: Wurscht – wenn man eine Stimme wie die von Lise Davidsen hören kann.

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