Jonathan Coe: Middle England

Das können sie, die Briten! Einen chaotischen Austritt aus der Europäischen Union anzetteln und dann darüber ein so selbstironisches und warmherziges Buch schreiben, dass man ganz gerührt wird und Mitleid bekommt! In Jonathan Coes Brexit-Roman „Middle England“ zeigt sich das Vereinigte Königreich von seiner besten Seite: klug, kritisch und witzig zugleich.

Der 1961 in Birmingham geborene Autor kann natürlich nichts für die fatale Situation und leidet unter ihr am meisten. Daran besteht kein Zweifel, hat er sich schließlich in Person des seit 30 Jahren am gleichen Buchprojekt arbeitenden Schriftstellers Benjamin Trotter in das Herz des Romans geschrieben. In diesem Alter Ego fängt er prototypisch die Zerrissenheit seines Landes ein.

Wie in einer typisch britischen Vorabendserie entwickeln sich rund um dieses Personal episodenartig Geschichten, die das Geschehen des Landes zwischen April 2010 und September 2018 widerspiegeln. Coe macht dabei deutlich: So dramatisch die politischen Ereignisse im Einzelnen waren, so absehbar war eine gesellschaftliche Entwicklung, die dorthin geführt hat. „Middle England“ gibt ein sensibles Psychogramm der gespaltenen englischen Gesellschaft zwischen Angst und Optimismus, Nostalgie und Aufgeschlossenheit, alter und junger Generation.

Jonathan Coe: Middle England. Übersetzt von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs, Folio Verlag, 480 Seiten, 25 Euro

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