Jürgen Melzer wie Thiem im Endspiel der ATP Finals

Jürgen Melzer und sein französischer Partner Edouard Roger-Vasselin haben am Samstag dank zwei Aufholjagden ein verloren geglaubtes Spiel noch gedreht. Damit ist Österreichs Tennis sensationell in beiden Endspielen bei den ATP Finals in London vertreten. Nach Dominic Thiem mit seinem Sieg über Novak Djokovic qualifizierte sich auch der 39-jährige Melzer mit Roger-Vasselin durch ein 6:7 (4), 6:3, 10:8 über Rajeev Ram/Joe Salisbury (USA/GBR-2) für den Titelkampf.

Im Endspiel treffen Melzer/Roger-Vasselin am Sonntag (16.30 Uhr MEZ) auf Wesley Koolhof/Nikola Mektic (NED/CRO-5). „Die Chance zu haben, ums ATP Masters zu spielen, ist extrem. Es ist von der Besetzung her noch besser als ein Grand Slam. Ein Sieg morgen würde ganz oben mit den Grand-Slam-Titeln stehen“, freute sich Melzer, der wie schon in den Gruppenspielen immer wieder mit Zauberbällen die Konkurrenten überraschte.

1:7-Rückstand im Match-Tiebreak noch gedreht

Melzer und sein Partner drehten einen 6:7, 0:2-Rückstand sowie später einen großen 1:7-Rückstand im entscheidenden Match-Tiebreak noch zum Sieg. „Wir haben uns vor Sofia zusammengesetzt, dass wir eine bessere Körpersprache haben sollen, wenn wir hinten sind. Das ist uns heute gelungen: man hat bei 1:7 nicht gemerkt, dass wir hinten sind“, erzählte Melzer. Bei 8:9 wehrten sie sogar einen Matchball ab und nutzten ihren ersten. Melzer steht damit als zweiter österreichischer Doppel-Spieler nach Julian Knowle 2007 im Endspiel beim Masters.


„Es wirkt irgendwie so, als soll es so kommen. Auf dieser Welle surfen wir jetzt weiter“, jubelte Melzer, der noch bis zu den Australian Open Profi bleibt, dann ÖTV-Sportdirektor wird. Zwei Österreicher im Endspiel beim Showdown der acht besten Einzel-Spieler bzw. acht besten Doppel der Saison – das ist herausragend. „Das ist für unser kleines Land ein Wahnsinn und einzigartig.“

Für den zweifachen Grand-Slam-Doppel-Sieger Melzer, der in London übrigens von seinem Manager Ronald Leitgeb begleitet wird, bedeutet das Finale kurz vor seinem Karriere-Ende schon vor dem Titelmatch einen seiner größten Erfolge im Doppel. Bei seinem dritten Antreten im Doppel-Masters hatte er erstmals die Gruppenphase überstanden. Er hat bisher 800 Punkte sowie 184.500 US-Dollar (die er sich mit Roger-Vasselin teilen muss) gewonnen.

Kein Rücktritt vom Rücktritt

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Melzer sieht sich kurz vor dem Ende seiner Karriere so gut wie nie zuvor im Doppel. „Ich glaube sogar, dass ich im Moment sicher am besten spiele, abgesehen davon, wie Petzschner und ich gespielt haben. Ich als individueller Doppel-Spieler bin sicher um einiges besser als 2010 und 2011 zu Zeiten der Grand-Slam-Siege.“

Schon jetzt ist für Melzer klar, dass trotz der Verlängerung in den Jänner, am Sonntag in London seine „absolute professionelle Karriere zu Ende geht und es dann auch andere Prioritäten gibt“. Er werde sich gewissenhaft auf die Australian Open vorbereiten, aber eben auch schon sehen, was er für seine künftige ÖTV-Position tun kann.

Thiem rang Djokovic in Krimi nieder

Ein Halbfinale zum Nägelbeißen haben die Tennis-Fans am Samstagnachmittag bei den ATP Finals in London geboten bekommen. Dominic Thiem besiegte den Weltranglisten-Ersten Novak Djokovic nach 2:54 Stunden mit 7:5, 6:7 (10), 7:6 (5) und steht zum zweiten Mal en suite im Endspiel des Masters. Am Sonntag (nicht vor 19.00 Uhr/live Sky) trifft Thiem nun auf Daniil Medwedew. Der Russe besiegte Rafael Nadal Samstagabend in drei Sätzen 3:6, 7:6 (4), 6:3.

Für Thiem war es sein 300. ATP-Einzel-Sieg, der ganz besonders war. Im Tiebreak des zweiten Satzes vergab der 27-jährige Niederösterreicher vier Matchbälle, über eine Stunde später verwertete er den sechsten. Der US-Open-Sieger und Vorjahresfinalist kämpft damit zum zweiten Mal in Folge um den Titel beim letzten ATP-Turnier des Jahres. Thiem hatte in den Gruppenspielen Vorjahressieger Stefanos Tsitsipas und Nadal bezwungen.

Starke Bilanz gegen die drei Giganten

Thiem hat damit wie im Vorjahr zwei der „big three“ beim mit 5,7 Mio. Dollar dotierten Saison-Showdown der ATP geschlagen. Wie viel diese Siege über Roger Federer, Nadal und Djokovic wert sind, zeigt eine andere Statistik: Es war im 12. Duell der fünfte Sieg über den „Djoker“ und damit ist Thiem neben Andy Murray (GBR) der einzige Spieler überhaupt, der gegen alle drei lebenden Tennis-Legenden zumindest fünf Siege errungen hat. Gegen Federer steht es 5:2, gegen Nadal 6:9.

Mit diesem Erfolg, übrigens seinem fünften über eine aktuelle Nummer 1, hat Thiem schon einmal 800 ATP-Zähler und 861.000 US-Dollar (725.786 Euro) Preisgeld brutto sicher. Im Finale geht es um weitere 500 Punkte und zusätzliche 550.000 Dollar für Thiem.

“Das war eine mentale Schlacht”

„Das war sicher eine mentale Schlacht. Ich war so nervös im Tiebreak des zweiten Satzes“, meinte ein erleichterter Thiem, nachdem er auf die TV-Kamera „300 🙂 Play for the Ocean“ geschrieben hatte. „Gegen diese Legenden zu spielen, wird immer etwas Spezielles sein und auch hier ums Finale zu spielen, ist auch sehr besonders.“ Seine Annahme, dass er nach dem Triumph in Flushing Meadows bei großen Spielen nun befreiter sein werde, relativierte er.

„Nach meinem ersten großen Titel in New York dachte ich, dass ich ein bisschen ruhiger sein würde, aber das war scheinbar ein Fehler“, sagte er lachend in die wegen der Coronakrise leere O2-Arena. „Ich war genauso nervös wie sonst, das Match war so sehr auf der Kippe. Ich bin unglaublich glücklich, dass ich durch bin.“

Thiem will nun auch in London den letzten Schritt gehen. „Nachdem ich so hart gekämpft habe, möchte ich natürlich alles versuchen, um den Titel zu gewinnen. Wir haben jetzt auf jeden Fall einen weiteren erstmaligen Sieger hier“, erklärte Thiem, denn auch Finalgegner Medwedew hat die ATP Finals noch nie gewonnen.

Auch Thiem legte Aufholjagd hin

Nach bereits zweistündiger Spielzeit ging es Djokovic in einen Entscheidungssatz. In diesem hielten Thiem und Djokovic ihre Aufschläge bis in ein neuerliches Tiebreak nach 2:45 Stunden. Und in diesem gelang Thiem eine nicht mehr für mögliche gehaltene Aufholjagd: Nach einem Doppelfehler zum Start geriet er 0:4 in Rückstand, so etwas lässt sich Djokovic normal nicht mehr nehmen. Doch u.a. mit zwei Assen holte Thiem sechs Punkte in Folge zum 6:4, den insgesamt sechsten Matchball nutzte der Schützling von Nicolas Massu zum Sieg.

Thiem hat von den vergangenen sieben Partien gegen den „Djoker“ nun fünf gewonnen und sich für die knappe Fünf-Satz-Niederlage dieses Jahr im Finale der Australian Open revanchiert. Und Djokovic zeigte sich durchaus beeindruckt: „Was er bei 0:4 im Tiebreak gemacht hat, war unwirklich“, erklärte der Serbe nach seiner knappen Niederlage. „Ich glaube nicht, dass ich schlecht gespielt habe. Ich habe alle meine ersten Aufschläge reingebracht. Er hat einfach auf die Bälle draufgefetzt und alles ist reingegangen. Was kann man da tun?“, sagte Djokovic. „Ich muss einfach meinen Hut ziehen und sagen: ‚Gratuliere‘.“

ATP-Finals: Sechs verschiedene Sieger in sechs Jahren

Djokovic hat durch diese Niederlage seinen angestrebten sechsten Titel bei den ATP Finals verpasst, womit er mit Rekordsieger Roger Federer gleichgezogen hätte. Die Niederlage sicherte zudem das nächste neue Siegergesicht beim „Masters“: Weder Rafael Nadal, noch Dominic Thiem und Daniil Medwedew haben dort bisher triumphiert. Es wird zudem nach Djokovic (2015), Andy Murray (2016), Grigor Dimitrow (2017), Alexander Zverev (2018) und Stefanos Tsitsipas (2019) den sechsten verschiedenen Sieger in Folge geben.

Im Head-to-head mit Medwedew 3:1 voran

Thiem liegt im Head-to-Head mit Medwedew mit 3:1 voran, dieses Jahr blieb er bei den US Open auf dem Weg zum Titelgewinn im Semifinale mit 6:2,7:6(7),7:6(5) siegreich. Für beide Akteure geht es um den zweiten Saisontitel. Während der 27-jährige Niederösterreicher erstmals in Flushing Meadows triumphierte, holte sich Medwedew beim Masters-1000-Event in Paris den Siegespokal. „Dominic spielt momentan unglaublich, das habe ich auch bei den US Open gesehen, wo wir uns auf einem guten Niveau begegnet sind. Dort hat er seinen ersten Grand-Slam-Titel gewonnen. Wir werden sehen, wie es morgen geht“, sagte Medwedew in einer ersten Reaktion auf dem Platz im Hinblick auf das Endspiel.

Der Russe setzte sich im vierten Duell mit Nadal erstmals durch, revanchierte sich damit auch für die Niederlage in der Gruppenphase bei der 2019er-Auflage des Saisonabschlussturnier der besten acht Spieler. Nach 2:35 Stunden zerstörte Medwedew mit dem ersten Matchball die Hoffnungen auf Nadals Premierenerfolg bei den ATP Finals frühzeitig. Der Spanier war zuvor beim Stand von 6:3,5:4 und Aufschlag vor dem Sieg gestanden, Medwedew kämpfte sich aber nochmals zurück.

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