Kammermusik als Kraftakt

Salzburg: Einziges Kammerkonzert der Wiener Philharmoniker wurde gestürmt

Von Georgina Szeless

Regelrecht gestürmt wurde das fünfte Konzert der Kammermusikreihe der Salzburger Festspiele am Samstag im Großen Saal des Mozarteums. Nach nicht nur in einem Fall enttäuschenden Opernproduktionen brachte man alle Liebe für das einzige Kammerkonzert der Wiener Philharmoniker auf in freudiger Erwartung festspielreifer Aufführungen für verwöhnte Kenner dieses Genres. Gerade was dies anbelangt, wurden die Ansprüche nicht restlos erfüllt. Die sind gewiss nicht leicht zu erreichen für Mitglieder der Wiener Philharmoniker, die als Orchester genügend im Einsatz sind und dann noch für die Feinarbeit der Kammermusik die notwendige Zeit und Ruhe finden sollten.

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Diesmal stellten sich sieben Musiker der Streicherklasse dieser heiklen Aufgabe: Albena Danailova und Milan Setena (Violine), Gerhard Marschner und Robert Bauerstatter (Viola), Tamás Varga und Raphael Flieder (Violoncello) sowie Herbert Mayr am Kontrabass. Werke des ausgehenden 19. Jahrhunderts standen auf dem selektiven Programm — mit genügend Unterschieden, vergleicht oder stellt man sie gegenüber.

Auf der Suche nach Homogenität

Die Musik der Spätromantik läutete Hugo Wolfs „Italienische Serenade“ für Streichquartett G-Dur ein und blendete aus mit Tschaikowskis Streichsextett d-moll op. 70 „Souvenir de Florence“. Beide Werke Ausdruck der Italiensehnsucht des Fin de Siècle, also erfüllt von Fröhlichkeit und mediterraner Lebenslust, gewissermaßen einer südlichen Leggerezza, sind auch alle zwei Kompositionen keine Programmmusik. Gedeutet wurden sie mit teils kräftigen Akzenten, wobei sich leider auch die Frage stellte, wie weit man seine solistischen Qualitäten ausspielen kann, ohne die Prinzipien eines homogenen Spiels zu verletzen. Denn jeder Philharmoniker ist freilich ein Meister für sich, das weiß man ja, aufeinander einzugehen steht allerdings auf einem anderen Blatt. Bei Dvoraks Streichquintett G-Dur op. 77, beklatscht schon nach dem 1. Satz, fiel die Dominanz der Musiker weniger ins Gewicht, fanden hohe Ausdrucksintensität, eingängige Melodik, die kunstvoll ausgewogene Durcharbeitung der Kammermusik entsprechende Beachtung. Gleichfalls ohne ein bestimmtes Programm konzipiert, verfehlte der volkstümlich-böhmische Einschlag, wie immer in Dvoraks Musik, nicht seine Wirkung, gab die Kontrabassstimme mit dem melodiebestimmenden Cello dem Werk seinen unverwechselbaren Charakter. Kein Zufall, dass nach dem stürmisch bejubelten Programmfinale das Ensemble ein Dvorak-Encore spielte und mit Blumensträußen bedankt wurde.