„Kampf ums Überleben ist brutaler als im Ring“

Hüseyin Tabaks neuer Film „Gipsy Queen“ mit Tobias Moretti und Alina Serban kommt ab Freitag ins Kino

Sein Studium absolvierte er an der Filmakademie Wien bei Professoren wie Michael Haneke und Peter Patzak, sein erster Kinofilm „Kick Off“ über die österreichische Obdachlosen-Fußball-Nationalmannschaft gewann u.a. Preise bei der Diagonale und der Viennale.

Nun kommt Hüseyin Tabaks „Gipsy Queen“ ins Kino, die Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die boxt. In den Hauptrollen Tobias Moretti und Alina Serban.

VOLKSBLATT: Herausragend in „Gipsy Queen“ sind die Stärke und das Durchhaltevermögen der weiblichen Hauptfigur Ali. Ist das auch für Sie der Mittelpunkt Ihres Films?

TABAK: Es war für mich extrem wichtig, das herauszuholen. Ich hatte zwei Vorbilder, einmal meine eigene Mutter und einmal meine Frau als Mutter. Man sieht, dass Mütter so stark werden für ihre eigenen Kinder und ihre Grenzen sprengen. Alleinerziehende Frauen in einem fremden Land stehen auch die ganze Zeit unter einer Anspannung. Das wollte ich mit jeder Szene zeigen, dass der Kampf für Ali das Überleben in der Gesellschaft mit ihren Kindern ist. Das ist für sie viel brutaler, als wenn sie am Ende im Ring Schläge abbekommt.

Das haben Sie bei Ihrer Mutter früher auch so erlebt?

Ohne zu übertreiben, ich habe früher gesehen, wie meine Mutter über 48 Stunden ohne Schlaf in verschiedenen Jobs gleichzeitig gearbeitet hat. Das Wort „aufopfernd“ fällt mir bei ihr als erstes ein. Sie hat das für meine zwei Geschwister und mich getan hat, sie selber kam immer an zweiter Stelle. Das ist für mich auch der Grund, warum ich diesen Film machen wollte. Der ist wirklich extrem inspiriert von ihrer Kraft als Mutter, die ich weitergeben wollte an die Figur der Ali. Es könnte aber auch eine deutsche, eine österreichische Mutter sein. Ali will, dass es ihre Kinder besser haben, dafür zerreißt sie sich, opfert sie sich. Meine Mutter konnte nicht in die Schule gehen, weil sie auf ihre Geschwister aufpassen musste, als sie nach Deutschland emigriert sind. Ich war dann der erste, der aufs Gymnasium gegangen ist und das war ganz alleine ihr Verdienst.

Warum haben Sie sich dafür entschieden, dass Ihre Hauptfigur Roma ist?

Ich finde es als Filmemacher extrem bereichernd, sich in verschiedenen Kulturen zu bewegen. Ich bin selbst in zwei Kulturen aufgewachsen, einmal in der türkisch-kurdischen und einmal in der deutschen. Als ich die Idee zu dem Film hatte, habe ich gerade sehr viel Musik von Roma gehört. Beim Laufen habe ich diese Musik gehört und mir plötzlich gedacht, dass meine Hauptfigur eine Roma-Mutter ist und ich wusste in diesem Moment tatsächlich den Titel des Films und alles hat Sinn ergeben. Dann habe ich sofort angefangen zu schreiben.

Hat das Boxen für Sie eine besondere Bedeutung? Boxen Sie selbst?

Nein, aber was ich sehr spannend finde, ist, dass jeder Boxkampf immer so eine eigene Kurzgeschichte ist. Wir kennen ja alle diese Kämpfe, wo ein Underdog jemanden schlägt, der noch nie geschlagen worden ist. Dass Menschen das Unmögliche schaffen, wenn sie einen besondern Willen erzeugen — sowas passiert tatsächlich beim Boxen, deshalb mag ich diesen Sport auch. Beim Fußball zum Beispiel, da sind ja elf Menschen auf dem Feld und da müsste bei denen allen etwas Besonderes sein, damit die jemanden als Underdog schlagen. Aber Boxen ist wirklich Frau gegen Frau, Mann gegen Mann, Wille gegen Wille. Das finde ich extrem spannend.

Wie sind Sie zu Ihrer Hauptdarstellerin gekommen und konnte die schon boxen?

Nein, die Alina hat nie geboxt. Wir haben ein ganz normales Streetcasting gemacht mit Romafrauen. Die Alina hat etwas mitgebracht, was vielmehr eine Mutter war als eine Kämpferin. Ich habe sie schon sehr früh besetzt und sie hat schon zwei Jahre vor dem Dreh angefangen, zu trainieren. Bevor ich sie gecastet habe, habe ich sie mit dem Marcos Nader, dem österreichischen Europameister, trainieren lassen. Er meinte danach, entweder sei sie Boxerin oder ein extremes Talent.

Der Film spielt im Hamburger Milieu, der Trainer von Ali, Tanne, ist ein Urhamburger — gespielt vom österreichischen Jedermann Tobias Moretti …

Ich habe nie und nimmer an den Tobias gedacht. Meine Kostümbildnerin hat zu der Zeit mit dem Moretti gedreht und mir erzählt, dass er gesagt hätte, er würde gerne mal jemanden aus dem Hamburger Kiez spielen. Ich wusste aber nicht, ob man ihm das als Tiroler glauben würde. Wir haben ihm dann das Buch geschickt und Moretti wollte mich dann treffen. Er hat mir dann die Geschichte, die ich selber geschrieben habe, so wiedergegeben, dass er mich zu Tränen gerührt hat. Da dachte ich mir „Scheiss drauf!“ Tobias Moretti macht ja keine Castings und ich habe zu ihm gesagt, das sei eine Probe mit Alina. Und das war dann in einer Wiener Bar wie so ein Kurzfilmdreh und sowas hat man vorher nicht gesehen, was er da gezeigt hat. Dann haben wir in Wien ein Testscreening gemacht und einer kam danach und sagte: „Du, der eine, der sah aus wie der Moretti.“ Da wusste ich genau, das war so die richtige Entscheidung gewesen.

Mit „Kick off“ haben Sie sich Menschen zugewandt, die am Rande der Gesellschaft stehen. Ist das Ihr Anspruch als Filmemacher, eine Plattform zu bieten?

Michael Haneke hat uns eingetrichtert, wie sollen Geschichten erzählen, von denen wir Ahnung haben, von Menschen, die wir kennen. Ich bin Kurde aus der Türkei, da gehört man zu einer Minderheit, die ständig im Krieg lebt. Von Geburt an bist du politisch und du kannst dich nicht mal dagegen wehren. Dieses Gefühl, dir wenigstens dein Recht oder Respekt zu holen, das trägt man mit sich. Als Erwachsener schaut man dann, wer um einen herum auch darum kämpft. Das habe ich auch bei den Obdachlosen damals gesehen.

Sie haben gerade Ihren ersten „Tatort“ abgedreht. Reizte Sie das Format schon immer oder sagt man beim „Tatort“ einfach nicht Nein?

Ich wollte eigentlich schon immer den Wiener „Tatort“machen, das war ein kleiner Traum von mir. Tatsächlich war es dann so, dass der Kieler „Tatort“ zu mir gekommen ist, als ich eine schwierige Phase hatte und einige Absagen für „Gipsy Queen“bekommen habe. Aber die Redaktion des NDR war total begeistert davon und ich habe den „Tatort“ bekommen. Kurz danach habe ich den Film Florian David Fitz gezeigt und der mochte den Film auch total gerne. Er schreibt gerade ein Buch mit dem Titel „Oskars Kleid“ und da hat er mich für die Regie vorgeschlagen. Das ist dann auch mein nächstes Projekt. Das drehe ich im März.

Mit HÜSEYIN TABAK sprach Mariella Moshammer

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