Katars schwere Fouls gegen die Menschenrechte

Der Fußball-WM-Gastgeber steht nicht nur mit Verletzungen von Arbeiter- und Frauenrechten, sondern auch als Islamismus-Exporteur im Abseits

Katars neue Fußballarenen wie das Al-Rayyan-Stadion in der Hauptstadt Doha suggerieren eine ansonsten verweigerte Modernität.
Katars neue Fußballarenen wie das Al-Rayyan-Stadion in der Hauptstadt Doha suggerieren eine ansonsten verweigerte Modernität. © AFP/Garcia

Katar ist ein globaler Sport-Hotspot. Das gasreiche Mini-Emirat hat schon viele Großereignisse ausgetragen.

2015 wurden hier die Franzosen Handball-Weltmeister, 2016 ging auf der Halbinsel am Persischen Golf die Radsport-WM über die Bühne, 2018 die Turn-WM, 2019 die Leichtathletik-WM. Die Fußball-WM 2022 soll nur ein vorläufiger Höhepunkt sein. 2032 möchte Katar Olympische Spiele austragen.

Kritik an geringen Zuschauerzahlen oder dem für Spitzensport nicht gerade förderlichen Wüstenklima tun dem Streben der herrschenden Al-Thani-Familie nach sportlichen Top-Events keinen Abbruch. Denn Sport poliert das Image auf.

Allerdings hat die Strategie des „Sportswashing“ auch schon einmal besser funktioniert. Seit Katar den Zuschlag für die Fußball-WM erhalten hat, wird über menschenrechtliche Fouls im Emirat diskutiert. Auch zum kürzlichen Auftakt der UEFA-Qualifikationsrunde prangerte Amnesty International Ausbeutung und Missbrauch der 2,3 Millionen Arbeitsmigranten an.

Viele von ihnen schuften beim Bau neuer Sportanlagen für die kommende WM. Katar verteidigt sich mit einer angeblichen Verbesserung der Arbeiterrechte. Es gibt nun einen Mindestlohn von 230 Euro. Das ist freilich ein Hohn im mit einem Pro-Kopf-Bruttonationalprodukt von 53.500 Dollar neuntreichsten Land der Welt.

Rechtlose Frauen

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wiederum beklagt die Nöte katarischer Frauen. Diese müssten sich durch „vom Staat durchgesetzte Regeln männlicher Vormundschaft bewegen, die ihre Chancen auf ein volles, produktives und unabhängiges Leben begrenzen“. Ohne Erlaubnis eines männlichen Vormunds dürfen Frauen weder einen Job annehmen, noch verreisen oder heiraten. Selbst der Besuch beim Frauenarzt ist nur mit Genehmigung des Gatten möglich.

Islamistischer Staat

Das passt so gar nicht zu den modernen Glitzerfassaden der Hauptstadt Doha. Doch es passt umso besser in die von Emir Tamim bin Hamad al-Thani geförderte islamistische Staatsideologie. In Katar ist der Islam offizielle Staatsreligion, die Scharia Hauptrechtsquelle.

„Holocaust Gottes Strafe“

Kein Wunder, dass sich anderswo nicht mehr geduldete Islamisten wie Yusuf al-Qaradawi hier wohl fühlen. der aus Ägypten stammende Chefideologe der Muslim- bruderschaft ist — auch Dank des katarischen TV-Senders Al Jazeera — einer der einflussreichsten Prediger der arabischen Welt. Seine extremistischen Positionen sorgen für keinen Aufruhr in einer Region, wo Mohammed-Karikaturen blutige Proteste auslösen. 2009 bezeichnete der heute 95-Jährige den Holocaust als „gerechte Strafe Allahs für die Juden“, die er „als Feinde Gottes“ tituliert. Auch die katarische Frauenpolitik ist ein Spiegelbild seiner Lehre: Laut Al-Qaradawi dürfe sich eine Ehefrau nicht gegen ihren Mann auflehnen. Versagen alle „guten Worte“ des Mannes, um dieses Verhalten zu korrigieren, dürfe dieser seine Frau „leicht“ schlagen, „wobei er das Gesicht und andere empfindliche Stellen zu meiden hat“.

VOLKSBLATT-Lesern dürften das bekannt vorkommen. Denn so steht es auch im vom türkischen Usyal-Verlag herausgegebenen, nach dem Bericht darüber vorerst aus dem Handel verschwundenen Buch „Ilmihal für Frauen“. Al-Qaradawis Buch „Erlaubtes und Verbotenes im Islam“, das ebenso die Züchtigung widerspenstiger Ehefrauen propagiert, ist bei Amazon erhältlich. Ebenfalls in deutscher Sprache.

Islamistische Mission

Dies führt zu einem weiteren Foul Katars, über das viel weniger gesprochen wird: Der Export der Muslimbruder-Ideologie. Die mit dem Gasexport verdienten Milliarden fließen nämlich nicht nur in den Sport, sondern auch an islamistische Organisationen vornehmlich in Europa.

Die französischen Journalisten Georges Malbrunot und Christian Chesnot deckten mit ihrem 2020 im Wiener Seifert-Verlag auf Deutsch erschienen Buch „Qatar Papers — So beeinflusst der Golfstaat den Islam in Europa“ ein Netzwerk auf, das unter der Tarnkappe einer Wohltätigkeitsorganisation Islamismusexport betreibt. Den Autoren wurde ein Datenstick mit tausenden Dokumenten zugespielt — E-Mails, Zahlungsbestätigungen und Spenderlisten der Organisation „Qatar Charity“ (QC). Die in 70 Ländern aktive Hilfsorganisation investierte demnach allein im Jahr 2014 rund 72 Millionen Euro in 113 Moscheen und islamische Zentren in Europa.

„Islam erobert Europa“

Die Autoren betonen, dass es dabei weder um illegale Finanzierungen oder Gelder für Terroristen gehe, dennoch aber um eine gefährliche Entwicklung für westliche Demokratien. Denn der katarische Geldregen ergießt sich meist über Vereine im Umfeld der Muslimbruderschaft. Deren Ziel hat der greise Prediger Al-Qaradawi im Juli 2007 in einer Rede im katarischen Fernsehen klar definiert: „Der Islam wird Europa erobern, ohne Schwert und ohne Kampf.“

Von Manfred Maurer

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