Kein Lockdown für die Nächstenliebe

Auch in Corona-Zeiten schränkt die Caritas ihre Hilfen nicht ein – Manchmal senken Internet und Telefon sogar Hemmschwellen

Caritas-Direktor Franz Kehrer
Caritas-Direktor Franz Kehrer © Caritas/Wakolbinger

Welche Auswirkungen das Coronavirus auf die Arbeit der Caritas hat und warum Online-Hilfsangebote oft lieber beansprucht werden: Darüber spricht Caritas-OÖ-Direktor Franz Kehrer im VOLKSBLATT-Interview.

VOLKSBLATT: Hat Corona Auswirkungen auf das Spendenaufkommen bei der Caritas?

KEHRER: Caritas hat viele Angebote, etwa für Menschen mit Behinderung, Menschen in Not, in der Pflege, viele Einrichtungen und Dienste. Einen Teil dieser Aufgaben können wir dank der Spenden ausfüllen. Für diese Solidaritätsbekundung möchte ich mich sehr bedanken. In der Caritas-Haussammlung sind wir schon rund 50 Prozent hinter dem Ergebnis des Vorjahres. Aber andere Aktionen haben einen Teil dessen wettgemacht. Und ich hoffe natürlich, dass in der Vorweihnachtszeit noch Spenden kommen.

Home-Office geht in der Betreuung ja nicht. Was bedeuten Lockdown und Corona-Schutzmaßnahmen für Caritas-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter?

Grundsätzlich gilt: Nächstenliebe geht nicht in den Lockdown. Wir tun alles, damit unsere Angebote und Hilfen aufrecht bleiben. Ich bin sehr dankbar für das großartige Engagement der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ihre Liebe zu den Menschen durchhalten.

Mussten Angebote in der Pandemie eingeschränkt werden?

Der Zugang, wie Hilfe geleistet werden kann, verlagert sich zum Beispiel mehr in Richtung Online-Beratung, Beratung am Telefon. Wir haben auch digitale Therapie-Angebote entwickelt, etwa für Kinder mit Beeinträchtigung. Bei der Hilfe für Obdachlose haben wir die Angebote adaptiert, um Abstandsregeln einzuhalten.

Funktioniert das gut?

Manches ist am Telefon sogar einfacher, weil es da anonymer abläuft und Menschen da eine Spur leichter Hilfe in Anspruch nehmen, als wenn sie physisch wohin gehen müssen.

Kann es dennoch sein, dass Not verborgen bleibt?

Es gibt gerade am Land immer wieder Notsituationen, die verborgen bleiben, weil sich Menschen etwa nicht aufs Gemeindeamt oder zu anderen Stellen trauen, da sie fürchten, dort auf Bekannte zu treffen. Daher ist ein Chat im Internet – wenn jemand zur Nutzung in der Lage ist und die erforderlichen Geräte hat – für die erste Abklärung von Nöten sehr hilfreich, ebenso wie das Telefon. Aber natürlich gibt es Menschen, die dazu nicht mehr in der Lage sind. Da braucht es weiterhin die Aufmerksamkeit in der Nachbarschaft, da braucht es eine solidarische Gesellschaft. Ich möchte auch dazu ermutigen, nachzuschauen und Menschen anzusprechen.

Glauben Sie, dass im Gefolge der Pandemie mehr Menschen hilfsbedürftig werden könnten?

Es werden alle Volkswirtschaften ärmer durch diese Pandemie, und das hat Auswirkungen auf alle Ebenen einer Gesellschaft. Und es trifft jene härter, die davor schon wenig zum Leben hatten, weil es etwa schwieriger wird, eine Arbeitsstelle zu finden.

Orten Sie Gefahren der Vereinsamung in Corona-Zeiten?

Ich glaube, das ist eine der härtesten Auswirkungen neben den gesundheitlichen. Das Abgeschnitten-Sein von sozialen Kontaktmöglichkeiten im öffentlichen Raum, in Geschäften – das betrifft sicher die meisten Menschen. Genauso fehlen Besuche in Seniorenwohneinrichtungen, in Krankenhäusern, bei runden Geburtstagen. Da orte ich schon eine große Sehnsucht bei den Menschen.

Wie schwierig ist es derzeit, Freiwillige für die Mitarbeit zu finden?

Die Bereitschaft wäre groß. Wir haben ja als Caritas österreichweit die Online-Plattform „füreinand“ etabliert. Da haben sich 12.000 Menschen registriert, die bereit wären, in irgendeiner Weise zu helfen – durch Sachspenden oder Aktivitäten. Aber es gibt natürlich, gerade was Besuchsdienste betrifft, große Einschränkungen. Auch bei der Haussammlung konnten viele Freiwillige nicht mitmachen, weil sie zu Risikogruppen zählten. Das erschwert die unmittelbare Hilfe, aber die Bereitschaft wäre jedenfalls gegeben.

Könnte es sein, dass die Zeit der Distanz zu einer Rückbesinnung auf vermeintlich alte Werte führt?

Ich glaube, dass insgesamt schon ein Nachdenkprozess angestoßen wird. Das globale Denken und Wirtschaften muss sozialer, gerechter und nachhaltiger werden. Ich sehe aber schon auch viel Arbeit auf uns zukommen, wenn wir das soziale Leben wieder stufenweise hochfahren. Das wird sich am Anfang komisch anfühlen.

Welche Lehren sollte man daraus ziehen?

Eine Erfahrung ist schon, dass Zusammenhalt und Solidarität zählen und welche Arbeiten für die Gesellschaft wichtig sind, wie zum Beispiel in der Betreuung und Pflege, im Verkauf – oder auch die Frauen, die Kinderbetreuung und den Home-Office-Job erledigen. Wir erleben erstmals, wie sich das anfühlt, vom öffentlichen Leben ausgeschlossen zu sein. Wir sollten daher unter anderem daraus lernen, Menschen vom Rand in die Mitte zu holen und Zusammenhalt sowie Nächstenliebe als zentrale Werte zu leben.

Wie geht es Ihnen mit der neuen Normalität?

Wie es allen geht, man fühlt sich ein Stück abgeschnitten vom Leben. Es fehlt mir die Begegnung im Gottesdienst, die Kultur, die Gemeinschaft. Und gleichzeitig denke ich an Menschen, die es noch viel schwerer haben.

Worauf freuen Sie sich in der Nach-Corona-Zeit?

Auf spontane Besuche bei Freunden und persönliche Begegnungen auch im beruflichen Kontext anstelle von Online-Konferenzen. Und auf das Gefühl, dass wir gemeinsam etwas ein Stück weit geschafft haben und dass es nachhaltig aufwärts geht.

Mit Caritas-Direktor Franz Kehrer sprach Christian Haubner

Wie ist Ihre Meinung?