Kein Preis wäre auch ein Signal

Thunberg als Nobelpreis-Favoritin: Aber was war ihre Friedensleistung? ➡️ Eine Analyse von Manfred Maurer

Ob sie wirklich Favoritin ist, weiß außer dem fünfköpfigen Osloer Nobel-Komitee niemand. Aber sie gilt als Favoritin, weil das Wunschdenken vieler sie dazu macht.

Greta Thunberg könnte am Freitag jüngste Friedensnobelpreisträgerin aller Zeiten werden. Bei den Wettanbietern jedenfalls rangiert die Schwedin überall auf Platz eins.

Mit Preisen überhäuft

Thunberg hat schon so viele Ehrungen abgeräumt, dass die Krönung mit dem Friedensnobelpreis wie die logische Konsequenz wirken würde. Vom Titel „Schwedin des Jahres“ über einen extra für sie geschaffenen Sonderpreis der „Goldenen Kamera“ und ein Ehrendoktorat der Universität Mons bis hin zum Alternativen Nobelpreis reicht die Palette der Auszeichungen. Manchmal kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, auszeichnende Institutionen dächten bei ihrer Entscheidung auch ein bisschen ans eigene Image.

Wie beim im Juli verliehenen „Prix Liberté“, den die französische Region Normandie in Erinnerung an den D-Day im Juni 1944 vergibt, drängt sich auch beim Friedensnobelpreis die Frage nach Thunbergs preisspezifischer Leistung auf.

Greta hat viel geleistet

Geleistet hat die 16-Jährige ohne Zweifel viel. Auch wenn diese Leistung nicht allen gefällt, so hat Thunberg mit ihrer rasanten Entwicklung vom unbekannten Schulstreikmädel zum Role Model einer globalen Ökobewegung Einzigartiges vollbracht. Kaum jemand hat die politische Diskussion in diesem Jahr so geprägt wie sie.

Aber ist das auch bahnbrechend für den Frieden?

Was Alfred Nobel wollte

Alfred Nobels Vorgabe ist klar: Den Friedenspreis sollte erhalten, „der am meisten oder am besten auf die Verbrüderung der Völker und die Abschaffung oder Verminderung stehender Heere sowie das Abhalten oder die Förderung von Friedenskongressen hingewirkt hat“.

Das Nobel-Komitee legte diese Formulierung oft sehr weit aus. Während etwa ein Mahatma Gandhi als Inbegriff der Friedlichkeit nicht preiswürdig war, gab es viele Preisträger, die im Sinne Nobels wenig geleistet hatten. US-Präsident Barack Obama erhielt die Auszeichnung 2009 schon im ersten Amtsjahr, obwohl kein Leistungsnachweis vorlag und spätere Aktionen (Drohnenangriffe auf Zivilisten) Zweifel an deer Preiswürdigkeit nährten.

PLO-Chef Yassir Arafat bekam den Preis 1994 zusammen mit Israels Premier Yitzhak Rabin und Außenminister Schimon Peres ungeachtet seiner mörderischen Terrorvergangenheit. Immerhin war hier eine Wende zur Friedfertigkeit zu belohnen.

Wenig friedlich entwickelte sich eine 1991 ausgezeichnete Oppositionsführerin in Burma: Aung San Suu Kyi ist heute als Regierungschefin mitverantwortlich für die Diskriminierung der muslimischen Rohinga-Minderheit in dem sich nun Myanmar nennenden Land.

Klima war schon dran

Dass das Nobel-Komitee Klimaschutz für friedenspreistauglich hält, dokumentierte es schon 2007 mit der Entscheidung für den ehemaligen US-Vizepäsidenten und Klimaaktivisten Al Gore. Das spricht allerdings eher gegen Thunberg: Ihr Thema wurde schon einmal mit einem Preis bedacht.

Wahrscheinlich finden sich unter den 223 Einzelpersonen und 78 Organisationen auf der geheimen Liste auch einige, die Alfred Nobels Vorgabe mehr entsprechen. Will das Komitee in einer sich alles andere als friedlich entwickelnden Welt aber wirklich ein Zeichen setzen, dann könnte es tun, was im vergangenen Jahr in der Sparte Literatur getan wurde — und den 100. Friedensnobelpreis an niemanden verleihen.

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