Keine Normen, dem Dirndl seine Freiheit

Ausstellung „Dirndl. Tacht goes Fashion“ bis 31. Oktober 2021 im Marmorschlössl Bad Ischl

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Wahrlich verzaubernd wirkt das Marmorschlössl oberhalb der Kaiservilla in Bad Ischl auf den Besucher. Und jetzt noch mehr mit der in Sisis ehemaligem Cottage beheimateten Ausstellung „Dirndl – Tacht goes Fashion“.

Die OÖ Landes-Kultur GmbH hat vor einem Jahr das Marmorschlössl übernommen und mit viel Einsatz nicht nur diese thematisch regional angelegte Ausstellung vorbereitet, sondern auch das Schlössl renoviert. Ein regionales Thema hatten sich viele bei einer Befragung gewünscht und so zog das Dirndl mit seiner ebenso spannenden wie wechselvollen Entwicklungsgeschichte ins Marmorschlössl ein.

Thekla Weissengruber, Leiterin der Sammlung Volkskunde und Alltagskultur der OÖ. Landes-Kultur GmbH, kuratierte mit ihrer unvergleichlichen Fachexpertise die Ausstellung und zeichnet auch wissenschaftlich dafür verantwortlich. Für Weissengruber persönlich bedeutet das zeitgemäße Dirndl vor allem auch die Freiheit, sich das für sich selbst Passende, Typgerechte aussuchen zu dürfen – abseits des üblichen Trachten-Regelwerkes, oder eben genau darauf basierend. Und dieses Thema der freien Wahl der Kleidung zieht sich durch die Ausstellung.

Bezug zu Vivienne

Alfred Weidinger, Direktor der OÖ. Landes-Kultur GmbH meinte zur Eröffnung: „Freiheit für das Dirndl, lautet der Kontext. Dirndl ja, aber keine Normen, dann lebt es auch noch in 200, 300 Jahren. Das soll die Ausstellung erzählen!“ Für diese Botschaft wurden drei Designer herausgegriffen, die allesamt einen Bezug zu Vivienne Westwood haben. Susanne Bisovsky zeigt mit den ausgestellten Modellen und im begleitenden Kurzfilm mit viel Liebe zum Detail die Entwicklung von der Pfoad zum Dirndl. Alexander Kronthaler erzählt mit seiner Tracht tirolerisch-schräge Geschichten. Materialmix, Farbigkeit und lässige Details holen das trachtige Kleid in die Jetztzeit. Und mit Lola Paltinger ist eine ebenso zeitgemäße wie bekannte Dirndl-Designerin mit im Boot, die das „Wiesn-Dirndl“ mit viel Glitzer und Glamour revolutioniert hat.

Doch die Ausstellung wirft auch den Blick weit in die Vergangenheit und stellt beeindruckende Schätze aus dem Archiv des Landesmuseums aus. Zum Beispiel ein Dirndl aus den 1840er-Jahren, gefunden im oberösterreichischen Steyregg. Viele Schichten übereinander musste die Trägerin bei diesem Kleid anziehen, damit wenig von der eigenen Figur zu sehen war. Hier wurde das erste Mal Leib und Rock durch eine Naht verbunden und zum Kleid gemacht. Der ehemalige Zweiteiler war für die damalige schwere Arbeit einfach zu unpraktisch.

Der Begriff „Dirndl“ tauchte erst viel später – Ende des 19. Jahrhunderts – erstmalig auf und war erst in den 1920er-Jahren auch im Lexikon zu finden. Und das ehemalige „Kleid der Dirn“ begibt sich in der Ausstellung weiter auf seine Zeit- und Entwicklungsreise. 1930 lieferte die Uraufführung des „Weißen Rössl“ mit allen Akteuren in Tracht Inspiration und Motivation, Tracht zu tragen.

Marlenes „Kostüm“

Ab der Aufführung am Broadway – sieben Jahre später – trägt „Frau“ auch in New York Dirndl. Bei den Salzburger Festspielen 1936 war Marlene Dietrich vom regionalen „Trachtenkostüm“ derart begeistert, dass sie gleich eine Anfertigung in Auftrag gab. Leider wurde in der Nazi-Zeit das Dirndl zu Propagandazwecken missbraucht und sogar die Benennung „Dirndl“ verboten. Von da an ging es um den Leibkittel oder die Alltagstracht, die die Nazis für die Textilindustrie „reproduzierbar“ machten. Es gab Trachtenmappen und Schnittbögen und das Dirndl wurde nun selbst genäht.

Ein ganz spezielles Exponat sei noch hervorgehoben: In einer luftdicht abgeschlossenen Metallbox wurde 2020 in Litzlberg am Attersee das Grab der im Jahre 1620 verstorbenen Adeligen gefunden. Die Verstorbene trug ein vollkommen intaktes und erhaltenes Seidenkleid mit vier Meter langer Schärpe. Susanne Bisovsky hat sich dieses wertvollen Stückes angenommen und es restauriert und so ist es gleich zu Beginn der Ausstellung im Eingangsbereich zu sehen.

„Der Zeit ihr Kleid, dem Kleid seine Freiheit!“ lautet der von Weidinger abgewandelte Spruch der Wiener Secession. Die Frage ist doch: Funktioniert historisches Dirndl neben zeitgemäßer Haute Couture ebenso in einer Ausstellung wie im richtigen Leben? Nach einem Besuch im Ischler Marmorschlössl lässt sich diese Frage ganz eindeutig beantworten: Ja, das funktioniert!

Infos: Tickets „Dirndl. Tracht goes Fashion“: 19. 6. bis 31. 10., www.ooelkg.at

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