Kinder mit psychischen Krisen

Immer öfter fallen Kinder und Jugendliche durch ihr unangepasstes Verhalten auf. Jährlich werden 1000 bis 1200 von ihnen an den Kliniken für Psychiatrie und Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters am Linzer Kepler Uniklinikum (KUK) erstmals vorstellig. Ein Teil ist erst fünf, sechs Jahre alt. Der zweite Schwerpunkt liegt bei den Jugendlichen im Alter von 14 bis 16 Jahren.

Die Zeichnung eines Siebenjährigen mit ADHS drückt aus: „In mir brodelt es.“ ©

Text: Michaela Ecklbauer
„Es sind nicht unbedingt mehr Betroffene als früher, sondern mehr, die Hilfe suchen“, erläutert Primar Michael Merl, Vorstand der Kliniken für Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Standorten Med Campus IV. und am Neuromed Campus: „Und es fällt auf, dass heute schon Zwölf- bzw. 13-Jährige mit schweren psychischen Erkrankungen kommen, die wir früher erst bei 16-Jährigen diagnostiziert haben.“ Eine Erklärung dafür hat der Kinderpsychiater bislang noch nicht. Zwar spielten die sozialen Medien und Mobbing an der Schule eine gewisse Rolle, aber nicht die ausschlaggebende.

Verhalten der Eltern in den ersten Lebensjahren prägt

Die Ursachen sind hingegen vielfältig. „Genetische und angeborene Faktoren wie Temperament spielen eine gewisse Rolle und ein Teil ist mit biologischen Faktoren wie z. B. Stress in der Schwangerschaft zu erklären. Ganz entscheidend ist aber das Verhalten der Eltern in den ersten drei Lebensjahren des Kindes. Wenn das Kind nicht lernt, die erlebten Gefühle – zuerst symbolisch, dann sprachlich – zu benennen, wird es Probleme bekommen“, weiß Primar Merl. Gewiss ist auch, je später die Behandlung beginnt, desto ausgeprägter sind Symptome und eine mögliche Erkrankung. Wenn sich Eltern nicht um die emotionalen Bedürfnisse und die Regulation von Gefühlen des Sprösslings kümmern, dieser später die Emotionen nicht ordnen kann und alles in schwarz oder weiß, gut oder schlecht einteilt, können sich Störungen in der Persönlichkeit entwickeln. Eine davon stellt z. B. das Borderline-Syndrom dar. Betroffene erleben beispielsweise bei einer normalen Rüge eine Ablehnung ihrer ganzen Person und reagieren unter Umständen mit massiver Abwehr und Hassgefühlen.

Alarmzeichen, wenn Kind plötzlich ausrastet

Emotionale Ausbrüche bei Kindern sind Teil der normalen Entwicklung. Anlass zur Sorge wäre gehäuft und scheinbar unmotiviert auftretendes aggressives Verhalten gegenüber Eltern und Geschwistern, im Kindergarten oder der Schule oder auch gegen sich selbst. Meist liegt hier bis zum zehnten, elften Lebensjahr eine Störung der emotionalen Regulation vor, weiß der Psychiater aus Erfahrung. Andere Kinder verweigern plötzlich den Schulbesuch, weil dahinter z. B. Trennungsängste stecken. Depressive Störungen finden sich häufig bei traumatisierten Kindern und Jugendlichen. Manche wiederum sind hyperaktiv und erhalten die Diagnose ADHS, die sehr gut behandelbar ist. Etliche sind nicht mehr führ- und steuerbar und sitzen extrem lange vor dem Computer.
Bei den jüngeren Kindern tritt auch die Problematik des Einnässens oder Einkotens auf, die sich durch Therapie fast immer wieder gibt. „Es sind Kinder, die vernachlässigt, misshandelt wurden, oder eine Bindungstraumatisierung – eine Form von emotionaler Vernachlässigung – haben, die schon im Vorschulalter eine massive Störung entwickeln“, erläutert Merl. Etwa 20 bis 30 Prozent des Nachwuchses sind in ihrem direkten Umfeld von Gewalt – sei es durch Schläge, sexuelle Übergriffe oder auch in psychischer Form – betroffen. Oft steckt bei den Kleineren hinter einem nicht organisch begründbaren Bauchweh eine Schulangst. Essstörungen treten gehäuft bei Jugendlichen mit Selbstunsicherheit in Verbindung mit hohen Leistungsansprüchen auf, die manchmal von den Eltern aber auch von der Betroffenen selbst – von zehn Mager- oder Ess-Brech-Süchtigen sind acht bis neun Mädchen – kommen. Hier liegt die Heilungsrate bei konsequenter Behandlung aber bei 80 bis 90 Prozent.

Depressive Jugendliche, die entfliehen wollen

Bei den Jugendlichen, die im Kepler Uniklinikum Hilfe suchen, liegen oft depressive Störungen vor, viele Verweigerungen oder auch Verhaltenssüchte, die mit dem Konsum von illegalen Drogen wie Cannabis, Amphetaminen oder Crystal Meth zusammenhängen. Dahinter stecken Bindungstraumatisierungen. Es kommt zu Selbstverletzungen oder Suizidversuchen. „Meist geht es den Jugendlichen nicht darum, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, sondern die Last ihres Lebens erträglich zu machen. Manche, die sich selbst Wunden zufügen, haben dissoziative Zustände. Sie erleben sich selbst und die Umwelt als unwirklich, spüren sich nicht mehr richtig. Der Schmerz durch die Selbstverletzung holt sie wieder in die Realität zurück. Manche bestrafen sich, weil sie sich für Konflikte, Auseinandersetzungen und Widrigkeiten verantwortlich fühlen und den Ärger nicht gegen die Verursacher richten können“, erklärt Merl: „In manchen Fällen wirkt das Verhalten wie ein Medikament, sodass der Betroffene dadurch vom Suizid abgehalten wird. Unsere Aufgabe ist es, aufzuzeigen, dass es andere Methoden gibt, sich in schwierigen Situationen zu helfen. Zum Beispiel, sich ein Gummiringerl um den Finger zu wickeln, um sich wieder zu spüren. Dann heißt es, das dahinter liegende Problem sachlich aufzuarbeiten.“
In Oberösterreich leiden mehr als 30.000 Kinder an krankheitswertigen psychischen Symptomen und bräuchten eine Form von psychologischer, psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung. Rund 1000 bis 1200 werden jedes Jahr erstmals in der KUK vorstellig.

Diagnose durch längeres Beobachten des Patienten

Kommt ein Kind zum Facharzt, gilt es durch ein längeres Beobachten des Verhaltens zur richtigen Diagnose zu kommen. Entsprechend des Alters wird bei den Kleineren eine Spieldiagnostik – etwa ein Puppen- oder ein szenisches Spiel – angewandt. Auch Zeichen- und Malverfahren gewähren Einblick in die Seele des Kindes. Mit älteren Kindern kann auch eine Gesprächstherapie erfolgen oder über die Körperwahrnehmung gearbeitet werden. In altersgerechten therapeutischen Verfahren werden Konflikte bearbeitet und Lösungen gesucht. „Wichtig ist auch, herauszufinden, wann bestimmte Symptome auftreten. Wir arbeiten sehr viel mit Alltagssituationen, im Umgang mit andern Kindern, bei Ausflügen am Wochenende“, schildert der Experte: „Wenn es um Ängste geht, kann im Spiel eine Puppe die gute Fee sein, die zu Hilfe eilt, wenn das Kind in Not ist. Dann wird gefragt, wer im wirklichen Leben diese Person sein kann. Auch die tiergestützte Therapie mit Hunden oder Pferden ist sehr wirksam. Sie macht möglich, dass Kinder und Jugendliche sich öffnen und dadurch ihre Ängste leichter aufgearbeitet werden können.“
„Wichtig ist, den Selbstwert und die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) der Kinder zu stärken und Interventionen zu setzen, so dass sich im Familiengefüge etwas positiv verändern kann. Eltern sollen mit ihren Kindern, etwas gemeinsam erleben, in der Natur, beim Sporteln oder ein Brettspiel spielen. Es geht auch um ein positives Vorleben, wobei in manchen Familien bereits die Eltern negative Gewalterfahrungen oder eine schwierige Kindheit erlebt haben“, weiß der Mediziner.
Werden Kinder in der Klinik aufgenommen, dauert der Spitalsaufenthalt im Schnitt zehn Tage. Bei schweren Persönlichkeits- oder Essstörungen kann auch ein halbes Jahr daraus werden. Dann werden die Kinder- und Jugendlichen in der Heilstättenschule unterrichtet“, erläutert der Psychiater. Nach dem stationären Aufenthalt ist in den meisten Fällen noch eine mehrwöchige Nachbetreuung in den zwei Tageskliniken der KUK oder im niedergelassenen Bereich nötig. Die Problematik sei, dass es im niedergelassenen Bereich zu wenig Therapeuten gebe und den Eltern hohe Kosten entstehen. Ziel des Teams von Prim. Merl, das an zwei Standorten in Linz 54 Betten betreut, ist es, dass aus den psychisch kranken Kindern Jugendliche werden, die mit 17, 18 Jahren ihr Leben meistern können und gesunde Erwachsene werden.

Im Motiv findet ein psychisch krankes Kind seine Situation „zum Schreien“.

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