Kindergeburtstag mit Hitler

Online: Musical „The Wave (Die Welle)“ des Linzer Landestheaters

Ensemble

Kraft durch Disziplin, durch Zusammenhalt, durch Taten, durch Stolz. — Die Slogans blass (warum nicht knallig?) an der Wand, eine Schulklasse verführt durch ihren Lehrer.

Der will zeigen, dass nicht „Psychos“, sondern „normale Menschen“ dem Diktator folgten. Grundlage ist das Experiment des Geschichtslehrers Ron Jones von 1967, berühmt geworden als Roman und durch mehrere Filmadaptionen.

Das Experiment illustriert das Aufhussen der Massen, das zu Faschismus, Krieg und Völkermord geführt hat. Dieser Thematik wird das Musical „The Wave (Die Welle)“ überhaupt nicht gerecht. Atmosphärisch mehr ein Kindergeburtstag, kraftlos erzählt und in Musik gesetzt. Radikaler Antihumanismus darauf reduziert, dass ein paar unsichere Jugendliche auf Selbstfindung in die Irre geführt werden.

„The Wave“ ist eine Auftragsarbeit des Landestheaters Linz an den US-amerikanischen Komponisten und Autor Or Matias. Welturaufführung war am Samstag, virusgemäß ohne Publikum und als Videostream. Was sich erwachsene Menschen unter Jugendkultur so vorstellen: Der unterschichtige Basketballer Stevie huldigt dem Lehrer im Dieter-Bohlen-Slang („mega abgedreht, der Typ!“), der schüchterne Robert anfangs mit Kurt-Cobain-Gedächtnismähne.

Kitsch ersetzt ernsthafte Analyse

Punkrock hätte diese biedere Inszenierung auch bitter nötig. Vormals faule Schüler stehen stramm in HJ-ähnlicher Uniform, Kitsch ersetzt ernsthafte Analyse der Mitläufer. Ein Niemand sein, ein Irgendwer, und so allein! Die giftige Faszination des Faschismus — und hätte er keine solche, könnte er nicht wirken — wird an keiner Stelle spürbar, sondern nur behauptet.

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Die Musik (Leitung Juheon Han) flott und ein bisschen jazzig, die Lieder ohne Höhepunkte. Das Ensemble agiert brav, die zaghafte Regie von Christoph Drewitz lässt keine Wahl. Vier Mitglieder des Musicalensemble Linz in den Hauptrollen, Malcolm Henry (Stevie) von der Musik und Kunst Privatuniversität Wien kommt hinzu. Hanna Kastner stemmt sich als mit eigenständigem Denken belastete Ella gegen den Gruppenzwang („Dann lieber einsam untergeh´n als mit der Herde strammzusteh´n“), Lukas Sandmann deutet als Robert dramatische Tiefe an. Celina dos Santos´ Wandel von der Ladendiebin Jess zum sturen Mädel wäre einige Vertiefung wert, Christian Fröhlich als Lehrer wirkte unterfordert.

Das Ende gnadenlos weichgespült, Adolf Hitler wird als wahrer „Anführer“ der „Welle“ präsentiert. Aber so lange „Freiheitskämpfer“ wie Jimi Hendrix aufbegehren, lebt die Hoffnung. Singt am Ende die gute Ella.

Dumm nur, dass auch politische Massenverführer bis heute gerne als Kämpfer für Freiheit posieren. Aber das wäre Teil einer anderen, komplizierteren Erzählung. Mit Punkrock.

*Als Videostream vier Wochen zu buchen: landestheater-linz.at/netzbuehne

Von Christian Pichler

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