Kirstin Breitenfellner schrieb Roman über Maria Lassnig

Der 2014 gestorbenen Maria Lassnig ist der Roman „Maria malt“ gewidmet © APA/DPA/OLIVER BERG/DPA/OLIVER BERG

Im den „Falter“-Buchbeilagen war Kirstin Breitenfellner lange für Sachbücher zuständig. Kein Sachbuch, sondern ein Roman ist ihr neues Buch, in dem Maria Lassnigs lebenslanger Kampf um Anerkennung im Zentrum steht. „Maria malt“ erzählt in vielen Etappen von diesem Ringen. Im APA-Interview schildert Breitenfellner ausführlich die Hintergründe des Projekts, ihre Beziehung zu der 2014 gestorbenen Malerin und die Fähigkeit, „zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden“.

APA: Wann begannen Sie sich für die Malerin Maria Lassnig zu interessieren? Hatten Sie persönliche Begegnungen mit ihr?

Kirstin Breitenfellner: Maria Lassnig fasziniert mich schon sehr lange, auch weil ich eine Verwandtschaft zwischen ihrem Body-Awareness-Zugang zur Malerei und meiner Lyrik empfunden habe, in der der Körper eine große Rolle spielt. Ich habe mich gefreut, dass auf dem Cover meines ersten Gedichtbands „das ohr klingt nur vom horchen“ von 2005 ein Gemälde von Maria Lassnig, das im Lentos Museum Linz hängt, abgebildet werden konnte. Leider habe ich sie nie persönlich kennen gelernt.

APA: Wie entwickelte sich aus diesem Interesse das Projekt, sie zur Hauptfigur eines Romans zu machen?

Breitenfellner: Ich wollte eigentlich nie einen historischen Roman schreiben, aber als 2017 die erste Lassnig-Biographie der Kunsthistorikerin Natalie Lettner erschien, wusste ich, dass es jetzt doch sein muss. Ich schreckte davor zurück, weil ich wusste, wie viel Arbeit es bedeuten würde. Und weil klar war, dass in diesem Leben eigentlich zehn Romane stecken. Aber es war so reizvoll für mich, dass ich es angehen musste.

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APA: War von Anfang an der Ehrgeiz da, die Geschichte so nahe wie möglich an der realen Lebensgeschichte Lassnigs zu entwickeln?

Breitenfellner: Maria Lassnig ein anderes Leben anzudichten als das, das sie hatte, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Dazu hätte ich wohl besser eine Malerin erfunden. Also war klar, dass ich mich eng an die überlieferten Fakten halten würde, allein schon aus Respekt vor der Lebensleistung von Maria Lassnig.

APA: War dafür Voraussetzung, dass die Stiftung dazu ihr Einverständnis gibt und Sie bei den Recherchen unterstützt – oder hätten Sie ihr Buch auf jeden Fall geschrieben?

Breitenfellner: Als ich meine Anfrage an die Maria Lassnig Stiftung stellte, die Tagebücher und ausgewählte Briefwechsel lesen zu dürfen, habe ich mich natürlich gefragt, ob ich den Roman schreiben würde, wenn die Antwort abschlägig ausfallen würde. Vermutlich hätte ich es gewagt. Aber es wäre ganz sicher ein völlig anderes Buch dabei herausgekommen.

APA: Wie hat man sich die Vorarbeit zu dem Buch vorzustellen – und wie den Prozess, den Fakten die Fiktion hinzuzufügen?

Breitenfellner: Zusätzlich zu den Tagebüchern, die eher reflexiv sind, und den stärker alltagsgesättigten Briefen habe ich alles rezipiert, was ich zu Maria Lassnig finden konnte: Radio- und TV-Interviews, Interviews mit und über Maria Lassnig in Zeitungen und Büchern. Ich habe dabei auch versucht, ihr Umfeld abzustecken: Durch die Lektüre von Biografien und Autobiografien ihrer Zeitgenossen und von Büchern über die Kunstszene der Zeit. Da ich den Schwerpunkt auf die unmittelbare Nachkriegszeit und die Fünfzigerjahre gelegt habe, war das gar nicht so leicht, denn über diese Zeit ist erstaunlich wenig überliefert, vor allem, was Frauen betrifft. Am Schluss hatte ich dutzende Files mit hunderten Seiten von Exzerpten und Strukturaufstellungen sowie eine große Sammlung von Szenenideen. Ich wusste: Wenn ich die Exzerpte für das Schreiben öffnen und verwenden würde, würde daraus eine Dissertation über Maria Lassnig werden, aber kein Roman. Also fing ich an zu schreiben, ohne diese Files direkt zu verwenden, allerhöchstens zum Nachschauen. Am Schluss habe ich überprüft, ob ich etwas Wichtiges vergessen habe. Tatsächlich habe ich nur sehr wenige Szenen im Roman „erfunden“, sondern ich habe vornehmlich versucht, das, was da war, zum Leben zu erwecken oder mit Leben zu füllen. Literatur ist immer bereits interpretierte Welt, auch wenn sie sich auf reale Personen bezieht. Deswegen stellt der Roman auch nicht Maria Lassnig dar, wie sie „wirklich“ war, sondern so, wie ich sie mir vorstelle.

APA: Sie kommen Ihrer Protagonistin sehr nahe, lassen sie im letzten Abschnitt sogar in der ersten Person sprechen. Hatten Sie nie Skrupel, dass das als Anmaßung ausgelegt werden könnte? Hatten Sie beim Schreiben mancher Passagen gelegentlich den Gedanken „Ob Maria das recht wäre?“ oder „Hoffentlich ist diese Darstellung in ihrem Sinne?“

Breitenfellner: Der Künstlerroman bzw. Roman über historische Persönlichkeiten ist eine gut eingeführte Gattung, von Thomas Manns „Lotte in Weimar“, der uns im Germanistikstudium als beste Goethe-Biografie empfohlen wurde, bis zu Hildegard E. Kellers Hannah-Arendt-Roman „Was wir scheinen“ von 2021. Dabei geht es nicht um Anmaßung, sondern um die Suche nach dem Geheimnis, das hinter einem großen Werk und dessen Schöpfer bzw. Schöpferin steht. In „Maria malt“ nähere ich mich Maria Lassnig ganz anders als Natalie Lettner in ihrer Lassnig-Biografie, weniger kunsthistorisch und mehr persönlich. Ich hatte großen Respekt vor dieser Perspektive – sprich die Befürchtung, den Kern ihres Charakters zu verfehlen. Natürlich wollte ich nicht, dass sie sich, wenn auch nur in meiner Vorstellung, von mir missverstanden fühlen könnte. Da Maria Lassnig ihren gesamten Nachlass einer Stiftung und damit auch der Nachwelt vermacht hat, hatte ich aber auch das Gefühl, dass es in ihrem Sinne war, sie verstehen zu wollen. Schließlich hat sie sich ja zeitlebens zu wenig verstanden gefühlt. Im letzten, titelgebenden Kapitel des Romans lasse ich dann Maria selbst sprechen – inspiriert von Thomas Mann, der Goethe zuerst durch das Prisma von Zeitgenossen, von seiner Jugendliebe Lotte bis zu seinem Sohn August, zeigt, bevor er im letzten Kapitel in dessen Bewusstseinsstrom eintaucht. Ich war gespannt, ob das stimmig sein würde, es hat sich dann aber richtig angefühlt. Das Kapitel spielt kurz vor ihrem 80. Geburtstag – und Maria hat auf gewisse Weise zu sich selbst gefunden.

APA: Männer und Malerei – das sind die beiden Pole, zwischen denen die Hauptfigur in „Maria malt“ zerrissen wird. Ist das der Fokus, den Sie als Autorin ihrem Roman geben wollten, oder ist das Ihr Sukkus aus Ihrer Beschäftigung mit Maria Lassnig?

Breitenfellner: In der Zeit, auf die ich mich konzentriert habe, die Jahre 1945 bis 1960, kämpft Maria Lassnig vor allem mit der Unvereinbarkeit von Kunst und Liebe. Danach hat sie keine längere Beziehung mehr geführt. Sie hat aber bis zum Schluss nicht aufgehört, über ihre gescheiterten Lieben nachzudenken. Dass sie die Malerei einer Ehe vorgezogen hat, die in dieser Zeit bedeutet hätte, die Malerei aufgeben zu müssen – damit hat sie allerdings auch später nie gehadert.

APA: Auch lebende Personen, allen voran Arnulf Rainer, kommen sehr ausführlich in dem Buch vor – eine nicht ganz unheikle Konstellation. Haben Sie sich vorher abgesichert, sich alle dichterische Freiheit nehmen zu dürfen?

Breitenfellner: Maria Lassnigs Lebensgefährten und Zeitgenossen werden nur in Szenen gezeigt, die historisch überliefert, also bereits öffentlich oder der Öffentlichkeit zugänglich sind. Ich habe sie lediglich mit meiner Fantasie ausgefüllt. Das betrifft auch die meisten Dialoge. Ich lasse die Protagonisten so sprechen, wie ich sie verstanden habe. Deswegen heißt das Buch ja Roman und nicht Biografie – und gleicht darin allen anderen Künstlerromanen, aber auch Netflix-Serien wie etwa Peter Morgans „The Crown“ über die Windsors, in der noch lebenden Personen Dialoge „angedichtet“ werden. Ich war mir trotzdem bewusst, dass ich auf einem schmalen Grat gehe, wenn ich einzelnen Protagonisten keine Ungerechtigkeiten angedeihen lassen will. Dass die Wiener Kunstszene der Fünfzigerjahre eine Machokultur war, ist allerdings nichts Neues, sondern bestens dokumentiert. Und der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass das nicht die Schuld Einzelner war. Niemand steht außerhalb seiner Zeit, deswegen nehme ich auch keine Schuldzuweisungen vor, sondern versuche zu beschreiben, wie es war bzw. gewesen sein könnte.

APA: Auf dem Buch steht als Genrebezeichnung „Roman“ und nicht „Biografie“. Wie gehen Sie mit jenen Leserinnen und Lesern um, die alles von Ihnen zu Papier Gebrachte für bare Münze nehmen? Oder mit jenen, die Ihnen Fehler in biografischen Details nachzuweisen versuchen?

Breitenfellner: Tatsächlich schwindet die Fähigkeit, zwischen Fiktion und Realität zu unterscheiden, zunehmend. Ein Kulturverlust. Dieser Umstand kann nicht damit beantwortet werden, keine Kunst mehr zu machen, sprich keine Romane mehr zu schreiben. Ich trage ihm aber Rechnung, indem ich in einer editorischen Notiz am Ende des Buchs darauf hinweise, dass der Roman keine Wirklichkeit abbildet, sondern eine Interpretation einer vergangenen Realität darstellt. Tatsächlich werden es wohl nur wenige Menschen sein, die glauben, dass alles, was dort steht, so gesagt wurde, so wie niemand auf die Idee kommt, die Queen für ihre Aussagen in „The Crown“ zur Rechenschaft zu ziehen. Meine Recherchen zu Maria Lassnig habe ich nach bestem Wissen und Gewissen betrieben, aber selbstverständlich kann ich nicht ausschließen, dass sie Lücken aufweisen, ich etwas missverstanden habe oder mir Fehler unterlaufen sind. Da es in dem Roman um die innere Welt der Maria Lassnig geht, ist das nicht wesentlich. Zudem wurde er von der Maria Lassnig Stiftung gegengelesen, also von Menschen, die sie lange gekannt haben und die mehr über sie wissen als ich selbst. Deswegen gehe ich davon aus, dass sich diese Fehler in Grenzen halten werden.

APA: Sie haben ungewöhnlich viel Zeit mit Maria Lassnig, der Frau, die Maler und nicht Malerin sein wollte, verbracht. War das am Ende dann mehr ein Freundinnen-Verhältnis oder ein Psychiaterin-Patientin-Verhältnis? Hat das fertige Bild (das in Ihrem Fall ein Buch ist) am Ende Ihren Erwartungen entsprochen oder Sie selbst überrascht? Ist es für sie ein rundes Bild geworden oder sind blinde Flecken übrig geblieben?

Breitenfellner: Maria Lassnig war eine eher spröde Persönlichkeit, die zudem ein schwieriges Verhältnis zu Frauen hatte, deswegen hatte ich nie das Gefühl, eine Freundin zu sein. Auch die Beziehung zwischen Psychiaterin und Patientin schließt sich, aufgrund der Achtung, die ich vor ihr habe, aus, aber auch, weil jeder Mensch, so viel man auch über ihn in Erfahrung bringen kann, letztlich ein Rätsel bleibt. Deswegen halte ich den Roman für ein gutes Genre, um sich einer Persönlichkeit zu nähern. Man kann sie umkreisen und schließlich ein rundes, stimmiges Bild erhalten, obwohl man nicht alle Geheimnisse lüften kann. Überrascht hat mich, dass Maria Lassnig unter ihren Liebesbeziehungen in der Nachkriegszeit nicht nur gelitten, sondern auch viel von den jeweiligen Männern gelernt hat. Am meisten erstaunt hat mich aber das Verhältnis zu ihrer Mutter. Ich war die Erste, die den gesamten Briefwechsel zwischen Maria und Mathilde Lassnig gelesen hat – ein Privileg. Ihre Beziehung war bekanntlich ambivalent, aber Mathilde Lassnig erwies sich als weniger monströs, als ich gefürchtet hatte. Sie war klug, stolz und herrisch und vermutlich auch eine Opportunistin, aber sie hat ihre Tochter vorbehaltlos unterstützt. Zu meiner Verwunderung wurde sie beinahe so etwas wie eine zweite (heimliche) Heldin des Romans. Ich kann Maria Lassnig jetzt nicht mehr ohne ihre Mutter denken.

APA: Und schließlich: Warum sind ausgerechnet Maria Lassnigs größte Erfolge nicht Teil von „Maria malt“?

Breitenfellner: Maria Lassnigs späte Weltkarriere ist sehr wohl Teil des Romans – allerdings erst im Epilog, mit einer beeindruckenden Liste der wichtigsten Ausstellungen und Preise nach ihren 80. Geburtstag. Diese späte Genugtuung wollte ich nicht interpretieren, sondern so stehen lassen – in der Hoffnung, dass sie unkommentiert ihre ganze Wucht entfaltet. Maria Lassnig musste fast ihr ganzes Leben ohne diese Anerkennung verbringen, und es war auch nicht absehbar, dass sie diese so spät noch erhalten würde. Daran hat sich leider auch heute noch nicht genug geändert, wenn Künstlerinnen wie Martha Jungwirth oder Margot Pilz auf große Einzelausstellungen bis zum Achtziger warten müssen. Maria Lassnigs späte Würdigung war ihr auch kein Trost für die langen Jahre, in denen sie vergeblich darum gekämpft hat. Diesen Kampf wollte ich darstellen und ihm damit gleichzeitig Hochachtung zollen.

(Die Frage stellte Wolfgang Huber-Lang/APA per Mail)

ZUR PERSON: Kirstin Breitenfellner wurde 1966 in Wien geboren und studierte Germanistik, Philosophie und Slawistik. Sie ist Autorin, Literaturkritikerin, Journalistin und Yogalehrerin. Bisher erschienen von ihr vier Romane (u.a. „Bevor die Welt unterging“), ein Gedichtband sowie drei Kinderbücher (zuletzt „Das Geheimnis der Schnee-Eule“, gemeinsam mit Bianca Tschaikner). Im „Falter“ betreut sie derzeit das Kinder- und Jugendbuch, auf poesiegalerie.at die Lyrikrezensionen.

Kirstin Breitenfellner: „Maria malt“, Picus Verlag, 464 Seiten, 28 Euro, ISBN 978-3-7117-2130-3, Buchpräsentation am 8.9., 19 Uhr in der Buchhandlung Orlando, Wien 9, Liechtensteinstraße 17

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