Klangforum Wien raubte dem Festspiel-Publikum die Sinne

Nicht alle Konzerte und Veranstaltungsorte konnten in das modifizierte Salzburger Festspielprogramm 2020 gerettet werden. Fans Neuer Musik müssen daher dieses Jahr auf die mittlerweile fest im Salzburger Sommer etablierte “Ouverture Spirituelle” verzichten. Doch es gibt eine kleine, aber feine Alternative in der Kollegienkirche: die Reihe “Fragmente – Stille”.

Sie wurde am Montagabend vom Klangforum Wien unter der Leitung von Emilio Pomarico unter Jubel eröffnet. In einer Welt, in der aktuell nichts sicher ist, bleibt die Kollegienkirche als Pilgerstätte für experimentellere Konzertformen wie ein Fels in der Brandung stehen. Dass ausgerechnet ein Werk, das seinem Publikum jedwede Sicherheit in Form von Hörgewohnheit nehmen will, eröffnet, ist vermutlich nur ein Zufall. Doch genau das ist das Anliegen von Georg Friedrich Haas.

Perspektivische Unmöglichkeiten und Wahrnehmungsphänomene in den Stiegenkonstruktionen des Grafikers M. C. Escher veranlassten den Komponisten, die Sicherheit von Tonleitern und Tonhöhen zu hinterfragen. Das im Jahr 2000 vom Klangforum Wien uraufgeführte “In vain” raubt dem Hörer außer den Hörgewohnheiten zumindest zeitweise auch den Sehsinn, und gilt mittlerweile schon als Klassiker des 21. Jahrhunderts.

Ungewohnt ist auch Emilio Pomaricos Auftritt, da er der Stimmführerin erst einmal den Ellbogen entgegenstreckt. Doch an diese vorbildliche Begrüßung darf man sich in Zeiten von Hygienemaßnahmen hoffentlich schnell gewöhnen sowie an den vorbildlichen Umgang des Publikums mit den Masken, von denen doch einige auch während des Konzertes Münder und Nasen bedecken.

Während das Licht zu Beginn erst einmal noch an bleibt, purzeln die Tonleitern bereits fröhlich ins schier Unendliche abwärts. “In vain”, zu Deutsch “vergebens”, wird zum gut gemeinten Rat, nach bekannten Hörmustern und Klängen zu suchen. Am besten ergibt man sich Haas’ Vorhaben und lässt sich von den Tonleitern einfach berieseln. Verlassen kann man sich auf bekannte Klänge schon nach Kurzem sowieso nicht mehr. Sind es tiefe Bläser oder Streicher, von denen die immer schneidender werdenden Haltetöne ausgehen? Erklingen gar Sirenen in den Gewölben der Kollegienkirche? Mit Schwinden des Lichts, das sich als “Lichtstimme” tatsächlich auch auskomponiert in der Partitur findet, traut man der eigenen Wahrnehmung immer weniger und selbst wiederkehrende Elemente wie die abwärts laufenden Tonspiralen werden plötzlich neu und ungewohnt. Wie auf einer sicheren Insel erscheint plötzlich die Harfe in einem Lichtkegel, während von ihr einzelne, ausnahmsweise einmal genau zuordenbare Töne erklingen.

Als nach gut einer Stunde plötzlich alles still im Licht erstarrt, traut sich im Publikum keiner einen Mucks zu machen. Auch mit dem Ende schmeißt Haas seine Hörer ins Ungewisse, was Emilio Pomarico sichtlich amüsiert. Doch nach diesem kurzen Moment der Verwirrung, bricht unmittelbar Jubel aus, der vom Klangforum Wien als sichere Begeisterung aufgenommen werden darf.

Wie ist Ihre Meinung?