Kleider, aus dem Leben geschneidert

Berührende, artifizielle Dokumentation „Alexander McQueen. Der Film“

Alexander McQueen (l.) liebte die Exzentrik und alles, was anders war. Rechts: Models in Kreationen des Modeschöpfers
Alexander McQueen (l.) liebte die Exzentrik und alles, was anders war. Rechts: Models in Kreationen des Modeschöpfers © Thimfilm

Von Melanie Wagenhofer

Er brach mit Tabus und galt als Enfant terrible, vor allem aber als Genie der Modeszene. Seine Arbeit war seine große Liebe, mit ihr lotete er die dunkle Seite seiner Seele aus, wie er selbst sagte, sein Weg hat ihn letztlich das Leben gekostet: Im Alter von 40 Jahren nahm sich der britische Modeschöpfer Alexander McQueen 2010 das Leben. Die großartige wie düstere Doku „Alexander McQueen. Der Film“ von Ian Bonhote und Peter Ettedgui zeichnet mit vielen Archivaufnahmen und Interviews mit Freunden, Familie und Kollegen das Leben des berühmten Designers nach und damit ein eindringliches Bild von einem Menschen, der besessen war von dem, was er als seine Bestimmung empfand, nämlich Mode zu machen. Der Film begleitet McQueen streng chronologisch vom begeistert Kleider zeichnenden Buben bis zum berühmten Modeschöpfer, unterteilt in sechs Kapitel und unterlegt mit Musik von McQueens Lieblingskomponisten Michael Nyman.

In einfachen Verhältnissen in London aufgewachsen, lernt McQueen sein Handwerk von der Pike auf, gilt bald als hervorragender Schneider, schafft es, an der renommierten Londoner St. Martins Mode zu studieren. Romeo Gigli, bei dem er 1990 in Italien einfach auftaucht, lässt ihn für sich arbeiten. Alles, was mit Mode zu tun hat, saugt Lee, Alexander ist sein zweiter Vorname, auf wie ein Schwamm. Seine ersten Kollektionen finanziert der Schulabbrecher mit Arbeitslosengeld, aus ein paar hundert Pfund und Recyclingmaterialien wie Plastik entsteht Geniales, Neues, Schockierendes, Wunderschönes.

„Ich mag nicht, was normal ist“

Mit dem Aufstieg kommt der Druck, der immer größer und zerstörerischer werden wird. Bis zu 14 Kollektionen entwirft McQueen im Jahr, parallel für sein eigenes Label und schon als 27-Jähriger als Chefdesigner für Givenchy. Der Druck in der Branche und die oft harte Kritik ist selbst für einen Besessenen wie ihn zu viel. Für seine teils verstörenden, schockierenden Kreationen muss er viel Kritik einstecken. „Ich mag nicht, was normal ist, da entwickelt man sich nicht weiter“, sagt er einmal. Jede seiner Fashionshows gibt den Blick frei auf seine eigene Befindlichkeit, was ihn bewegt, von den Ursprüngen seiner Familie in Schottland bis zum eigenen Missbrauch in der Kindheit. „In den Shows zeige ich, was in meiner Psyche verborgen ist.“ Mit dem großen Geld kommen die Drogen, irgendwann steckt er so tief drin, dass er paranoide Zustände erlebt, Beziehungen scheitern, Diagnose HIV-positiv. Aus dem einst lustigen, frechen, stets lachenden Lee wird ein launischer Charakter, geprägt von Ängsten, Aggressionen und Misstrauen. Am Tag vor der Beerdigung seiner über alles geliebten Mutter setzt McQueen seinem Leben ein Ende.

Diese Doku ist kein Modefilm. Mit jeder Kollektion, die hier gezeigt wird, wird die Geschichte ihres Schöpfers erzählt. Den Machern ist ein berührendes, artifizielles und sehr ästhetisches Porträt eines außergewöhnlichen Menschen gelungen, das dem Künstler, dem diese Arbeit gewidmet ist, gerecht wird. Wer Alexander McQueens Kleider trug, hat mit ihnen auch Kraft und Stärke übergestreift.