Kluges über das Altwerden

Fabelhaft: Elizabeth Strouts Roman „Die langen Abende“

Schriftstellerin Elizabeth Strout
Schriftstellerin Elizabeth Strout © AFP/Michael Loccisano/Getty Images

Jack, schon über Siebzig, fragt sich plötzlich: Wie führt man ein anständiges Leben? Fortgeschrittenes Alter schützt vor Selbstzweifeln nicht.

Jack, der vormalige Harvard-Professor für Literatur: „… er empfand, dass er sein Leben ohne Bewusstheit gelebt hatte. Mit einem großen blinden Fleck ganz dicht vor seinen Augen. Was auch hieß, dass er nicht verstand, in gar keiner Weise verstand, wie ihn andere wahrgenommen hatten. Und genauso wenig war er imstande gewesen, sich selbst wahrzunehmen.“

Jack verliebt sich noch einmal. In Olive, die von ihren Mitmenschen als groß und dick, von manchen gar als alter Drache beschrieben wird. Und sie haben ja auch Recht. Olive, eine pensionierte Lehrerin, „stört“ gerne und pfeift auf falsche Diplomatie. Ihre Neugier, ihr knarziger Humor begleiten die Schicksale von Menschen in Crosby, einer kleinen Stadt an der Küste von Maine.

Für „Mit Blick aufs Meer“ erhielt Elizabeth Strout, 1956 an der Ostküste der USA in Portland geboren, 2009 den Pulitzerpreis. Im Mittelpunkt des Romans schon damals die Frau mit klingendem Namen Olive Kitteridge, in einer TV-Miniserie 2014 von der unvergleichlichen Francis McDormand verkörpert.

Strout sucht im neuen Roman das große Glück

In Strouts neuem Roman „Die langen Abende“ steuert Olive auf ihre letzten Runden zu, sucht noch einmal das kleine Glück in einer Heirat mit Jack. Gibt es das große Glück? Eltern finden ihre Kinder seltsam, Kinder ihre Eltern. Jeder schleppt seine Einsamkeit mit sich, wie Olives Sohn Christopher, der in New York lebt. Ein Besuch von Christopher und seiner Familie bei Olive gerät zum kleinen Desaster.

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Die Erinnerung hält sich an keine Regeln, sie ist schon gar nicht „fair“. Olives erster Mann Henry ist längst tot, zu seinen Lebzeiten hatte sich eine hässliche Mauer zwischen dem Paar gebildet. Mit Jack verheiratet, verklärt Olive nun oft den toten Henry. Und Jack, den die Autorin nach acht Jahren Ehe mit Olive schließlich sanft entschlafen lässt: Galten seine letzten Gedanken nicht Olive, sondern seiner ersten Frau?

Der Originaltitel „Olive, again“ (etwa: Schon wieder Olive!) trifft den humorvoll-ernsten Grundton von „Die langen Abende“ besser. Famos und bestürzend klug geschrieben, vorzüglich übersetzt von Sabine Roth.

Ein Buch über Zeit, Liebe und das Altwerden

Ein Buch über das Verfliegen der Zeit, über Liebschaften, über das Altwerden („Die Wirbel sacken zusammen, der Bauch stülpt sich vor – und zack, ist man kürzer“). Über das Erschrecken, sich eines Tages nicht mehr selbst die Zehennägel schneiden zu können. Über den Tod. Selten die Augenblicke inneren Friedens, hilfreich der tiefsinnige Humor Olives, die eine an Krebs erkrankte junge Frau tröstet: „… die Wahrheit ist doch, wir anderen sind nur ein paar Schritte hinter Ihnen. Zwanzig Minuten hinter Ihnen, so sieht’s doch aus.“

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