Knallrot: „Die Jagdgesellschaft“ im Akademietheater

Endlich ein starker Abend in der nach langer Corona-Pause neu gestarteten Theatersaison! Die 33-jährige Münchnerin Lucia Bihler, seit 2019 Hausregisseurin an der Berliner Volksbühne, hat im Akademietheater Thomas Bernhards 1974 uraufgeführtes Stück „Die Jagdgesellschaft“ mit großem Formwillen auf die Bühne gebracht: eine Interpretation zwischen Gruselstück und Geistertraum, weitab von der üblichen steifen, verehrungsvollen Bernhard-Rezeption.

Die Ausstattung von Pia Maria Mackert (Bühne) und Laura Kirst (Kostüme) wird man noch lange in Erinnerung behalten. Aus dem „Jagdhaus des Generals“ wurde eine Mischung aus Puppenhaus, Jagd- und Gespensterschloss. Ein riesiger, eindrucksvoller Salon, links und rechts jeweils ebenerdig ein Nebenraum, darüber eine Mini-Küche und ein altertümliches Bad, ganz oben die Andeutung einer Dachkammer. Der Clou ist aber: Alles ist in grellrot gehalten, die in Lack und Latex ausgeführten Kostüme ebenso. Der erste Eindruck haut einen erst einmal um, und noch lange während der fast zweistündigen Aufführung hat man damit zu tun, Details aufzuspüren und zu staunen.

Da gibt es etwa zwei Jagdgewehre und zwei Schaukelpferde spiegelverkehrt in den Nebenzimmern, zwei lebendige weiße Kaninchen, die gelegentlich aus ihren Käfigen genommen werden und dabei kaum einen Mucks tun, knarrende Türen, hallende Schritte und fallenden Schnee. Es regiert die Ästhetik der Schauerromantik, doch die Kostüme weisen eher in die Shakespeare-Zeit. Die Generalin hält im weit ausladenden Reifrock Hof, um ihre Unterhaltung ist der Schriftsteller in Hofnarren-Outfit und Pluderhose bemüht. Maria Happel und Markus Scheumann sind das Zentrum der Aufführung, gestatten sich hin und wieder bebend eine Annäherung bis knapp vor der Berührung, und halten – wenn sie nicht gerade „17 und 4“ spielen – die Konversation aufrecht.

Thomas Bernhards Text wird durchaus ernst genommen, fast zu ernst. Ausführlich erfährt man von der herrschenden Borkenkäfer-Plage (ein wieder erstaunlich aktuelles Thema), vom Grauen Star und der Stalingrad-Verletzung des Generals, vom erwarteten Versuch zweier Minister, den offenbar in der Politik Tätigen zur Abdankung zu zwingen. Da wird fast jeder Satz zum Merksatz, jedem Lamento nachgehorcht, bis es verklungen ist. Das ginge durchaus ein halbes Stündchen rascher und wäre dadurch sogar effektvoller. Was freilich für die sonstige Inszenierung in keiner Weise gilt. Denn die schafft Geheimnisse und legt Spuren sonder Zahl. Das reicht vom Einbau zweier Sängerknaben als durch das Schloss irrlichternde Zwillinge, über die Besetzung der an sich schon rätselhaften Figuren von „Prinz und Prinzessin“ mit Tänzern bis zur Stilisierung des Holzknechts Asamer (gespenstisch: Jan Bülow) zu einer Mischung aus Edward mit den Scherenhänden und dem Glöckner von Notre-Dame. Vor allem aber gibt es immer wieder albtraumhafte Zwischenszenen in Grün, Blau und Grau, in denen Tableaux vivants das Unterbewusste lebendig werden lassen.

Gegen die Übermacht der Bilder ist das Schauspiel gelegentlich auf verlorenem Posten. Martin Schwab ist ein schwacher General, seine höhnischen Angriffe gegen den zu Recht als Rivalen empfundenen Schriftsteller sind nichts als Rückzugsgefechte. Robert Reinagl und Arthur Klemt gewinnen als die beiden Minister kaum Konturen, Dunja Sowinetz hat als Köchin eher beiläufige Auftritte. Was sich aber stark vermittelt ist die Endzeitparabel, die aktueller nicht sein könnte: Alles ist morsch, hohl und zerfressen, dem Zusammenbruch nahe. Der General jedoch nimmt aufgrund seines Augenleidens nichts davon wahr.

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Als er sich erschießt, nimmt die Jagdgesellschaft Aufstellung und intoniert gefühlvoll das Lied „Lebe wohl, lebe wohl, du schöner Wald!“ Längst geht es nicht mehr „nur“ um den Wald, sondern um die Welt. Im Akademietheater sieht man jedenfalls rot – und wurde am Mittwochabend bei der Premiere ausgiebig dafür gefeiert.

(S E R V I C E – „Die Jagdgesellschaft“ von Thomas Bernhard, Regie: Lucia Bihler, Bühne: Pia Maria Mackert, Kostüme: Laura Kirst, Komposition: Jörg Gollasch. Mit u.a. Maria Happel, Markus Scheumann und Jan Bülow. Akademietheater. Nächste Vorstellungen: 27., 28.5., 3., 5., 6.6., Kreditkartenhotline: 01 / 514 44 4545, )

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