Körpersprache kontrastiert Musik

Musiktheater: Rätselhafte Umsetzung von Tschaikowskys „Schwanensee“

Sehr zeitgenössisch inszenierter Ballettklassiker
Sehr zeitgenössisch inszenierter Ballettklassiker © Michael Loizenbauer

Als erster Gastchoreograf seit der neuausgerichteten Tanzsparte am Landestheater unter der Dramaturgie von Roma Janus absolvierte der gebürtige Burgenländer Chris Haring (51) sein Linzer Debüt mit Tschaikowskys Handlungsballett „Schwanensee“. „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, bekannt von Hermann Hesse, ist diesmal leider kaum zutreffend. Haring, kein Unbekannter im Ballettmetier, Begründer und Leiter des Performance-Kollektivs Liquid Loft, 2007 mit dem Goldenen Löwen bei der Biennale Venedig für die beste Arbeit ausgezeichnet, hat nämlich das weltberühmte, nach wie vor weltweit gepflegte Werk völlig entzaubert und inhaltlich für die ausdeutende Körpersprache des Tanzes in mancher Hinsicht total umgangen.

Seine ganz andere Sichtweise des Märchenstückes hat nichts mehr mit dem historischen Bezug zu tun. Vielmehr baut er auf die zeitlosen Themen wie Schein und Sein, Betrug, Täuschung und Enttäuschung, ohne auf das Hauptthema des Stückes zu achten, der Erlösung der in einen Schwan verwandelten und zum Mensch gewordenen Prinzessin durch den Geliebten.

Wer hätte dies oft genug besser vorgemacht als der Operngigant Richard Wagner? Auch die ewig ausübende Faszination des Werkes, die auch mit der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Schwanes als heiliger Vogel mit Wahrsagerfähigkeiten in der Antike zu tun hat, reizte Haring nicht zu Inspirationen. Aber was hat die choreografierte Erzählung mit Musik in ihrer Aufführungschronik an Eingriffen nicht schon alles erleben können. Seit der Uraufführung 1877 am Bolschoi Theater in Moskau gab es immer wieder überarbeitete Fassungen, Kürzungen der Handlung mit breiten pantomimischen Passagen, Umstellungen bei der Reihung der 29 Szenen.

Bei jeder Neuchoreografie stellt sich die Frage, welchen Ausgang die Geschichte nehmen soll. Haring ließ es offen. Er entschloss sich in seiner zeitgenössischen Version für Striche und sparte handelnde Personen aus. Aber das hätte den ursprünglich vier Akten nicht geschadet. In den knapp zwei Stunden Dauer im Musiktheater wirkte aber das Bühnengeschehen ziemlich langweilig. TANZ.LINZ mit den 13 Tänzern macht brav seine künstlerisch wenig fordernden Aufgaben in Kostümen, die zum An- und Ausziehen von Stefan Röhrle erfunden wurden und auch ihre Farben rot-schwarz-weiß wechseln, um die Charaktere Gut und Böse der Rollen bei Haring (Siegfried, Odette, Odile) zu unterscheiden. Die sonstige Ausstattung ist mehr als dürftig.

Den See ersetzt der blaue Bühnenboden, anzüglich sein wollende Videodesigns von Michael Loizenbauer und Lichtkonzept und Szenografie von Thomas Jelinek sollen zu dem fragwürdigen Verlauf des Gebärdenspiels beitragen. Wer sich nicht auskennt, hat sich nicht darauf vorbereitet, was das Stück erzählt. Das Verständnis erleichterte auch nicht der vernachlässigbare „Raum-Sound“ von Andreas Berger zwischen den einzelnen Nummern.

Aber die Musik

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Zu einem akustischen Erlebnis führte nur die unsterbliche Musik von Peter Iljitsch Tschaikowsky mit dem im Ohr bleibenden „märchenhaft“ oft aufsteigenden Thema, den geliebten Walzerklängen des Russen, den Märschen und den einzigartigen sinfonisch angelegten Harmonien der Tanzkomposition.

Der großartige Allrounder Marc Reibel am Pult ließ das vollbesetzte Bruckner Orchester in allen auch solistisch geforderten Stimmen strahlen und setzte der Aufführung die Krone auf. Das Premierenpublikum schwelgte am Schluss in Glück und Freuden. Nach zwischendurch schüchternen Applausversuchen brach es eindeutig für die Musik in einen lauten Jubel aus.

Von Georgina Szeless

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