Komponist Balduin Sulzer 87-jährig gestorben

“Ich bin nicht bewusst Komponist geworden, sondern es hat sich so ergeben”: So beschrieb der oberösterreichische Komponist und Pater des Zisterzienserstiftes Wilhering, Balduin Sulzer, einmal seinen Werdegang. Dafür hat der Musikpädagoge, zu dessen Schülern auch Franz Welser-Möst zählte, allerdings ein umfangreiches Werk geschaffen. In der Nacht auf Mittwoch ist Sulzer 87-jährig verstorben.

“… von wegen Komponieren. Zunächst geht’s an Improvisieren” – das war laut Eigendefinition sein Arbeitsstil. Das Komponieren habe er immer mit dem Improvisieren am Klavier begonnen, schilderte er selbst den kreativen Prozess. “Fantasieren, spintisieren, den Spieltrieb anfachen”, war sein Zugang. Mit der anschließenden Niederschrift der Stücke gingen die Verfeinerungen der Satzstrukturen und die Markierung architektonischer Fügungen Hand in Hand. Dazu verwendete er “Papier, Bleistift und vor allem den Radiergummi”. Etliche Kammermusik hat der Komponist auch auf “Zuruf” seiner Schüler geschrieben, wenn sie gemeint hätten: “Wir brauchen noch ein Stückerl.”

In seinem Auftreten zeichnete sich der Meister mit der charakteristischen Frisur durch Bescheidenheit und Humor aus: Er habe viele seiner Schüler gelobt, dass aus ihnen etwas geworden sei, obwohl sie bei ihm in die Schule gegangen seien. “Ich weiß nicht, ob ich ein idealer Lehrer im Sinne des Bundesministeriums war. Ich habe sehr viel in improvisatorischer Art gemacht, sowohl in der Musik als auch in anderen Fächern.”

Sulzer wurde am 15. März 1932 in Großraming im Bezirk Steyr-Land geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Linz, studierte er Philosophie, Theologie sowie die Unterrichtsfächer Musik und Geschichte. Seine musikalische Ausbildung erfolgte am Brucknerkonservatorium, an der Hochschule für Kirchenmusik Rom und an der Musikakademie Wien. Nach mehrjähriger Tätigkeit als Musikpädagoge, Korrepetitor und Domkapellmeister, prägte er vor allem das von ihm gegründete Musikgymnasium Linz, wo unter seiner Leitung das Linzer Jeunesse-Orchester und der Mozartchor Linz entstanden. Ein Absolvent des ersten Jahrganges war etwa Franz Welser-Möst.

Sulzers Werkverzeichnis umfasst rund 420 Titel, darunter drei Opern, neun Symphonien, eine Passion, zwölf Instrumental-Konzerte, Klavier- und Kammermusik, Lieder und Chormusik. Exemplarische Aufführungen gab es u. a. mit dem London Philharmonic Orchestra, dem Sendai Philharmonic Orchestra, den Philharmonischen Orchestern von Kiel und Erfurt, dem Kammerorchester Stockholm, dem Brünner Kammerorchester, dem Bruckner Orchester Linz und dem Wiener Kammerorchester. Für sein kompositorisches Schaffen und seine pädagogische Tätigkeit erhielt Sulzer zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Würdigungspreis der Republik Österreich. Zuletzt wurde ihm – sichtlich bewegt und unter Standing Ovations des Publikums – im Rahmen der Eröffnung des Brucknerfestes 2017 der Ehrenring des Linzer Brucknerhauses überreicht.

Große Trauer herrschte am Mittwoch in Oberösterreich. Katholische Kirche, Politik und vor allem Kunst würdigten den Komponisten und Pater des Zisterzienserstiftes Wilhering. Das Requiem findet am 23. April im Stift Wilhering statt, wie die Diözese Linz mitteilte.

Die Kirche zitierte zudem aus einem unveröffentlichten Interview mit dem Verstorbenen Ende Jänner: “Ich bin schon stolz, dass ich fast 60 Jahre in der Schule verbracht habe und dort einige Spuren vorhanden sind. Dass ich nicht umsonst gearbeitet habe und dass einiges gelungen ist. Ich behaupte nicht, dass alles gelungen ist, aber einiges, und damit bin ich zufrieden”, heißt es darin. “Jetzt bin ich ein alter Mann, der das meiste hinter sich hat und eigentlich mehr oder minder auf den Übergang ins nächste Leben wartet. Da lege ich einen Wert darauf, dass ich sagen kann ‘das nächste Leben’. Das Sterben ist ein Vorgang, mit dem man nicht nur rechnen muss, sondern den man auch einplanen kann.” Damit habe er gemeint, dass sein schöpferisches Werk geordnet sei, heißt es in einer Aussendung der Kirche. Fachleute von der Universität Mozarteum Salzburg würden Sulzers Nachlass wissenschaftlich betreuen.

LH Thomas Stelzer (ÖVP) würdigte Sulzer als eine “prägende, in jeder Hinsicht inspirierende Persönlichkeit des zeitgenössischen Musiklebens Oberösterreichs. Er war einer, der in der Musikgeschichte unseres Landes unübersehbar und unüberhörbar Spuren hinterlassen hat.” Sein Tod sei ein großer Verlust für das Kulturland Oberösterreich.

Das Bruckner Orchester Linz, Chefdirigent Markus Poschner und der ehemalige Chefdirigent Dennis Russell Davies sind vom Tod Balduin Sulzers tief betroffen. Drei Opern, viele Sinfonien und Orchesterwerke habe das Bruckner Orchester uraufführen dürfen. “Wir sind unendlich dankbar, ihm vielfältig begegnet zu sein. Seine Musik bleibt uns und wird uns immer wieder zum Lachen bringen!”, so der künstlerische Direktor Norbert Trawöger in einer Aussendung am Mittwoch.

“Das Brucknerhaus hat einen Mentor und Freund verloren”, sagte Intendant Dietmar Kerschbaum. Das Konzert des Bruckner Orchester Linz unter dem Motto “Dies irae” unter Jérémie Rhorer mit Kit Armstrong als Solisten am Samstag widmet das Brucknerhaus dem Andenken des bedeutenden oberösterreichischen Komponisten und Pädagogen.

Das Landestheater Linz trauerte um “einen Universalkünstler und -gelehrten”, dem es viel verdanke. “So schärften die Uraufführungen seiner Opern das Profil dieses Hauses als einen Ort der Moderne und des Aufbruchs.” Für das Musiktheater komponierte Sulzer die Einlass- und Pausengongs. Somit seien seine Klänge auch in Zukunft mit dem Gefühl gespannt-freudiger Erwartung verbunden.

Die musica sacra linz verabschiedete den “herzensguten, sanftmütigen und stets fröhlichen Menschen”. “Wir widmen das Passionskonzert ‘Lamentations’ am Sonntag dem großen Komponisten Balduin Sulzer, der musica sacra so viele Werke geschenkt hat”, hieß es in einer Aussendung.