„Konsum. Ein Musical“ im Wiener Werk X: Konzert mit Tiefgang

„Gestern ‚No way‘, heute ‚Must have‘!“ So gehen die Regeln der Warenwelt, in der Shopping happy macht, Jeans nicht mehr „stone washed“, sondern „destroyed“ gekauft werden, und T-Shirts nur noch ein einziges Selfie überstehen müssen, ehe sie weggeworfen werden. Das erfährt man derzeit im Werk X, wo man sich subversiv aufgerüstet hat: Konsumkritik gibt‚s hier als Musical. Genauer: als „Recycling-Musical“. Minimaler Aufwand, maximale Wirkung. Und nachhaltig sowieso.

„Wir haben eine postdramatische Herangehensweise gewählt. Es ist fast ein theatraler Essay, bei dem das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet wird und so puzzleartig ein Gesamtbild entstehen soll“, hatte Bernd Liepold-Mosser im Vorfeld angekündigt. Der Kärntner Nestroy-Preisträger bringt seit 2017 alle zwei Jahre in Villach ein Open-Air-Musical auf den Rathausplatz, hat sich für heuer nach „The Black Rider“ und „Shockheaded Peter“ eine Uraufführung vorgenommen und dafür die Singer-Songwriterin Clara Luzia gewonnen. Am Montag war Uraufführung beim Wiener Koproduktionspartner, ehe es von 11. bis 14. August nach Kärnten geht.

An dem 80-Minuten-Abend setzt man erfolgreich auf Intelligenz und Ironie. Gegen das Musical-Genre, in dem normalerweise gerne geklotzt und nicht gekleckert wird, setzt man auf ausstatterischen Minimalismus (Bühne und Kostüm: Karla Fehlenberg). Ein mehrstufiges Konzert-Podest und an der Rückwand ein Lampen-Display, auf dem gelegentlich Schlüsselbegriffe wie „Konsum“, „System“ und „Sale“, aber auch „Bourdieu“, „Marx“ und „Foucault“ aufleuchten, reicht als Spielfläche für Clara Luzia und die famose Schlagzeugerin Catharina Priemer-Humpel sowie für ein pfiffiges Quartett: Zeynep Buyraç, Annette Isabella Holzmann, Martin Hemmer und Oliver Huether mimen abwechselnd anonyme Shoppoholiker und Konsumkritiker, spielen gemeinsam ein T-Shirt, das von seiner Weltreise erzählt, oder eine Supermarkt-Kassiererin. Man zeigt kleine Tanz-Einlagen, plündert die Wühlkiste, zieht sich eine Einkaufstasche über den Kopf und versichert: „Sauerkraut ist die Lösung!“

Szenisch wie gesellschaftskritisch ist das durchaus noch ausbaufähig, aber musikalisch ist das teilweise schon richtig schön. Zu hören sind thematisch passende Cover-Versions u.a. von Depeche Mode, Frank Zappa und Die Sterne, einmal singt Clara Luzia (leider nur kurz) Janis Joplins „Mercedes Benz“ an („Oh lord / won‘t you buy me / a color TV“), und wenn sie ihre neuen Songs bringt, kommt passagenweise eine Stimmung auf, die an die Polit-Rock-Shows der Schmetterlinge erinnert. „Kaufen macht uns schön / Kaufen macht uns zu wem“, heißt es etwa in „Emero Ergo Sum“ (Ich werde gekauft haben, also bin ich), „Ich verwirkliche Träume / right here, right now / Am Zahltag mach’ ich dich zur armen Sau“ im „Kreditkartensong“. Bitte mehr davon! Nicht im Super-Sonderangebot, sondern im Familien-Sparpack. Vier zum Preis von zwei. Oder so. Und eine Apfeltasche dazu.

(S E R V I C E – „Konsum – Ein Musical“, Inszenierung: Bernd Liepold-Mosser, Bühne & Kostüm: Karla Fehlenberg, Musik: Clara Luzia, Catharina Priemer-Humpel, Boris Fiala. Mit: Zeynep Buyraç, Annette Isabella Holzmann, Martin Hemmer, Oliver Huether, Clara Luzia, Catharina Priemer-Humpel. Uraufführung. Koproduktion von WERK X und Flying Opera. Werk X, Wien 12, Oswaldgasse 35A, Weitere Vorstellungen: 29. und 30. Juni sowie am 1. Juli, ; )

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