Konturen der Opfer und Täter

Ludwig Lahers „Schauplatzwunden“ über das Lager Weyer-Sankt Pantaleon

Ludwig Laher: Schauplatzwunden. Über zwölf ungewollt verknüpfte LebenCzernin Verlag,192 S., € 20
Ludwig Laher: Schauplatzwunden. Über zwölf ungewollt verknüpfte LebenCzernin Verlag,192 S., € 20 © Literaturhaus Innsbruck

Der Willkür der Wachmannschaft im sogenannten Arbeitserziehungslager Weyer-Sankt Pantaleon waren keine Grenzen gesetzt. Heilig Abend 1940 eskalierte die Gewalt. Lagerführer August Steininger hatte seinen bevorzugten Opfern eine besondere „Bescherung“ zugedacht. Eine tagelange Prügelorgie, viel Alkohol, die Männer konnten — Autor Ludwig Laher findet dafür den treffenden zynischen Begriff — „die Sau rauslassen“.

Eines der Opfer, das Laher kenntlich macht, ist der Häftling Edmund Haller. Gottfried Hamberger, stellvertretender Lagerkommandant, traktierte Haller mit 25 Schlägen mit dem Gummiknüppel auf den Hintern, ließ auch in den nächsten Tagen nicht von seinem Opfer ab.

Im Nachkriegsprozess spielt Hamberger den Sanften: „Ich erkundigte mich nach der Züchtigung bei Haller, ob es ihm weh getan hätte und er sagte ,nein’.“ Der leidenschaftliche Germanist Haller (er schrieb in den 1930ern einige Beiträge für das „Linzer Volksblatt“) starb im Jänner 1943 in Dachau.

Im Dunkel der Massenvernichtung

Die Umstände, wie Haller in die NS-Mordmaschinerie geraten war, lassen sich heute nicht genau klären. Ludwig Laher wühlt unermüdlich, gibt Tätern und Opfern ein Gesicht. Manche Erzählfäden im Prosawerk „Schauplatzwunden“ laufen zusammen, andere verlieren sich im Dunkel der Massenvernichtung. Wie jene der aus Weyer-Sankt Pantaleon deportierten Roma und Sinti, deren Leichen aus den Massengräbern ausgegraben wurden, um sie der fabriksmäßigen Knochenverwertung (Dünger!) zuzuführen.

Erstaunlich genug, dass Josef Neuwirth, damals Staatsanwalt in Ried, noch 1941 einige Gewalttäter des Lagers Weyer-Sankt Pantaleon vor Gericht bringen konnte. Hilfreich war, dass die NS-Mächtigen in Berlin misstrauisch beobachteten, wie Gauleiter August Eigruber mit seinen SA-Mannen in „Oberdonau“ (im Wesentlichen Oberösterreich) ein autonomes System des Terrors etablieren wollte.

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Das Arbeitserziehungslager wurde überstürzt aufgelöst, zehn Tage später, ab 19. Jänner 1941 diente Weyer-Sankt Pantaleon als „Zigeuneranhaltelager“. Es existierte bis 4. November 1941, die Insassen wurde danach in das Ghetto Litzmannstadt im polnischen Lodz deportiert. Gegen rassistisch motivierte Auslöschung erhob niemand mehr Einspruch.

Viele neue Quellen fließen mit ein

„Über zwölf ungewollt verknüpfte Leben“ untertitelt Laher, 1955 in Linz geboren, seine Skizzen. Das brillant geschriebene, niederschmetternde Buch eine nochmalige Vertiefung von Lahers Roman „Herzfleischentartung“

von 2002, viele neue Quellen fließen mit ein. Verfasst in nüchterner, klarer Sprache, hält sich Laher diesmal merklich zurück, was literarische Zuspitzung mittels entmenschlichter Sprache der Täter und des „gesunden Volksempfindens“ anlangt.

Das letzte Kapitel über Lagerkommandant August Steininger, der nach dem Krieg nur zweieinhalb Jahre ausfasste. Über die Volksgerichtprozesse in Sachen Weyer-Sankt Pantaleon, die 1948 begannen, schreibt Laher: „Während die Angeklagten viel Verständnis finden und fast allen außerordentliche Milderungsgründe zugebilligt werden, bleiben ihre Opfer zumeist konturlos, ihrer Individualität und persönlichen Geschichte beraubte geschundene Körper.“

Lesetermine in OÖ: 15. 10. Gallneukirchen, 16. 10. Neukirchen an der Enknach, 20. 10. Ried/Innkreis, 24. 11. Linz, Stifterhaus

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