Kopfüber in die Operettenseligkeit

„Die lustige Witwe“ wurde bei der Premiere im Stadttheater Bad Hall bejubelt

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Ein Kleinstaat auf dem Balkan steht vor dem Ruin, falls die reichste Oligarchin ihr unermessliches Vermögen ins Ausland transferiert. Nein, keine Zeitgenossen. Die Lady gelangte zu Weltruhm als „lustige Witwe“ durch Franz Lehár und die Librettisten Victor Léon und Leo Stein, uraufgeführt 1905.

Am Samstag feierte der Operettenklassiker eine bejubelte Premiere am Stadttheater Bad Hall. „Lippen schweigen“ stimmt der Bad Haller Bürgermeister Bernhard Ruf an, in dem Sinn hält Landesrat Markus Achleitner seine Eröffnungsworte knapp.

Graf Danilo soll Hanna heiraten um die Staatspleite abzuwenden. Die beiden waren schon einmal ein Paar, durften aber nicht heiraten, da sie als nicht standesgemäß galt, jetzt ziert er sich, weil sie ihm durch ihr Vermögen überlegen dünkt. Feminismus („Frauen sind gut zum Kochen und Putzen oder für einen Seitensprung“), gar kritische Haltung zum Vaterland, einfach beim Eintritt ins Maxim an den Nagel hängen und für sehr kurzweilige zweieinhalb Stunden in den größten Operettenhits schwelgen. Ein Hochgenuss, entriert durch die fremdgehende „anständige Frau“. Mühelos in den Höhen, reif und mädchenhaft zugleich strahlt Tina Josefine Jägers Sopran. Viktoria Leshkevich kokettiert ebenso stimmstark als Hanna Glawari mit ihren vielen Verehrern. Leichtfüssig demonstrieren die Damen ihren gräflichen Galans Danilo und Rosillon (Oliver Ringelhahn) weibliche und stimmliche Souveränität.

„Da geh ich ins Maxim“, Danilos (Gregoire Delamare) Stimme klingt „promillisiert“ besonders samtig. Als wirklich „delikates Vergnügen“ ergötzen die Grisetten (feine Choreos von Alexander Novikov) den Grafen und einen bestens disponierten Chor im überschäumenden Gefühlsbad.

Nach der Pause überschlagen sich Ereignisse und Hits. Temperamentvolle pontevedrinische Folklore, ähnlich der ungarischen, mündet im berühmten Vilja Lied, leise und zart schmelzend in höchsten Tönen, feurig und lautstark, wenn die Leidenschaft durchgeht. Aus dem riesigen Zwischenapplaus wird rhythmisches Mitklatschen „Ja das Studium der Weiber ist schwer“.

Die Regie entgleist als sich das Protagistenpaar beginnt, sich die Kleider vom Leib zu reißen. „Lippen schweigen, es flüstern Geigen“. Grausamer Interruptus. Vorhang. Kanzlist Njegus interveniert mit einem Couplet. Zu den üblichen aktuellen Seitenhieben, voran die Empfehlung, kurz alle Chats zu löschen, avanciert auch Hermann Scheidlehner zum Publikumsliebling in der traditionell beliebten Sprechrolle. Doch dann gibt es kein Halten mehr. Im Walzerduett schmelzen die Liebenden endlich dahin, wirbeln die Grisetten zum Cancan.

Erfolgreiches Studium der Weiber im Fin de Siècle

Regisseur Dietmar Strasser enthält sich jeglicher Modernisierung, kopfüber taucht er in die Operettenseligkeit dieses Spitzenwerks des Genres, bewahrt dabei große Sorgfalt bis in kleine Details. Der musikalische Leiter Walter Rescheneder und sein Assistent Matthias Achleitner arrangieren die Partitur mit Hingabe an den Schmelz der Liebeslieder, akzentuieren flott und scharf das Temperament von Polkas, Polonaisen und Cancan. Als Bühne stylt Gottfried Angerer den Glamour der eleganten Salons des Fin de Siecle. In Jugendstilkostüme kleidet Kostümbildnerin Susanne Kerbl die diplomatische Gesellschaft.

Im Da Capo der unsterblichen Operettenhits brillieren noch einmal Solisten, Chor und Orchester. Stürmischer Applaus, ein letztes Mal das „Studium der Weiber“ und viele Bravo-Rufe.

Info, Termine & Karten: www.stadttheater-badhall.com/die-lustige-witwe

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