Krieg gegen die Gegenwart

Fantastische Augenweide: Christopher Nolans Zeit-Thriller „Tenet“

Das Großvaterparadoxon: Wenn Sie in die Vergangenheit reisen und (rechtzeitig) Ihren Großvater töten, werden Sie nicht geboren werden. Aus derlei Hirnknoten hat Hollywood ein eigenes Genre entwickelt („Mindfuck“), Großmeister ist der Brite Christopher Nolan.

„Tenet“, Nolans Science-Fiction-Kracher, soll nach der Corona-Pause die Kinos füllen. Das könnte gelingen. „Tenet“ ist großes Action-Spektakel und fantastisch gefilmte Augenweide. Mit Schwächen.

Nervenzerrender Beginn

Die Eröffnung ein krachender Schlag in die Magengrube. Maskierte stürmen während einer Aufführung die Oper in Kiew, der hämmernde Sound von Ludwig Göransson verstärkt den Hyperrealismus. Als Zuschauer sinkt man tief in den Kinosessel, die Kerle werden hoffentlich nicht gleich hier bei der Tür reinkrachen!

Eine Anti-Terroreinheit hält dagegen, unter ihnen der Namenlose, der charismatische John David Washington („BlacKkKlansman“). Häppchenweise klärt Nolan Publikum und Namenlosen auf. Ein Plutonium-Schmuggel nur Teil einer weitaus größeren Gefahr, „schlimmer als der nukleare Holocaust“.

Eine an sich unglückliche Formulierung, die Nolan in Dialogen zu vertiefen sucht. Menschen aus der Zukunft wollen einen Dritten Weltkrieg gegen die Gegenwart führen, ihre Waffe die „inverte“, also rückwärts laufende Zeit. Pistolenkugeln, die beim „Abfeuern“ vom Ziel zurück in den Lauf fliegen. Rückwärts (in der Wahrnehmung der Insassen vorwärts) fahrende Autos.

Männer, die seltsam verzerrt aufeinander einprügeln, weil ihre Zeitachsen gegenläufig sind. Klingt verrückt, ist es auch, aber der Perfektionist Nolan erschafft atemberaubende (analoge!) Choreografien und Gemetzel. Anschnallen! An Spannung und Inhalt reicht jedoch „Tenet“ nicht an Klassiker des Zeit-Thrillers („Terminator“, „Matrix“) heran. „Philosophie“ und Story-Suppe sind, ähnlich wie im kultisch verehrten Nolan-Streifen „Inception“, erstaunlich dünn.

Darsteller überzeugen

Großartige Darsteller hauchen dem Film dennoch Seele ein. Neben dem namenlosen Hauptakteur sein Partner Neil, der längst als Charakter-Mime etablierte Robert Pattinson („Good Time“). Kenneth Branagh verströmt als Oberbösling Sator ungezügelte Gewalt, die jenseitig attraktive Elizabeth Debicki leidet als seine Ehefrau (und Racheengel) Kat.

Und für Bond-Nostalgiker: Michael Caine zelebriert kurz britischen Snobismus vom Feinsten.

Eine Hommage an das Kino. Mitdenken, gleichzeitig Hirn abschalten, sich zweieinhalb Stunden von Nolan plattwalzen lassen.

Ab sofort im Kino

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