Krise kommt auf den Tellern an

Lebensmittel in Türkei um 20 Prozent teurer — Preissteigerung bei Obst und Gemüse 40 Prozent

Hungert das Volk, kann auch Erdogans Herrschaft ins Wanken geraten. Derzeit sind die Preise für Obst und Gemüse in der Türkei um 40 Prozent höher als im Vorjahr.
Hungert das Volk, kann auch Erdogans Herrschaft ins Wanken geraten. Derzeit sind die Preise für Obst und Gemüse in der Türkei um 40 Prozent höher als im Vorjahr. © AFP/Altan

Von Harald Gruber

Liebe geht durch den Magen. Und Hass auch. Daher sollte der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdogan ein Auge auf die aktuelle Preiserhebung seines Statistikamtes werfen. Denn, hungert das Volk, könnte auch Erdogans Herrschaft schnell ins Wanken geraten. Vorerst gelingt es dem Populisten aber noch, das Volk mehrheitlich mit Verschwörungstheorien hinter sich zu scharen.

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Harter Schlag für Ärmere

Die Fakten zeigen aber zwei Dinge deutlich: die türkische Wirtschaftskrise kommt auf den Tellern an und die Ursachen der Preisexplosion sind hausgemacht. Insgesamt wurden laut türkischem Statistikamt Lebensmittel binnen Jahresfrist um 20 Prozent teurer. Die Preissteigerung bei Obst und Gemüse aus türkischem Anbau beträgt sagenhafte 40 Prozent! Und das in einem an sich nicht von Agrarimporten abhängigen Land. Besonders stark nach oben geklettert sind in den letzten Wochen die Preise für Zitronen, Tomaten, Gurken, Marillen und Eier. Hart getroffen werden von dieser Entwicklung die unteren Einkommensschichten in der Türkei, die schon davor satte 28,6 Prozent ihres Einkommens für den Einkauf von Lebensmitteln und Getränken aufwenden mussten. Bei den Reicheren entfallen auf derartige Besorgungen vorerst nur 14,6 Prozent des Einkommens.

Bauern im Herdentrieb

Analysten sehen die Ursachen für die Explosion der Lebensmittelpreise in Unzulänglichkeiten des türkischen Agrarsektors und nicht in Einflüssen von außen. So sei das Verhalten der Landwirte geprägt von einem Herdentrieb hin zu lukrativeren Alternativen (die durch Überproduktion dann schnell wieder zu Ladenhütern werden) und dem Fehlen einer nachhaltigen Agrarstrategie. Beweis dafür ist beispielsweise die vorschnelle Stilllegung von Nektarinenkulturen zugunsten eines massenhaften Anbaus von Eisbergsalat. Oder auch die Stilllegung von Tomatenplantagen wegen einer vorübergehenden Absatzkrise in Russland. Die ersatzweise angebauten Bananen sind von Schädlingen befallen, die Tomaten selbst fehlen nach der Öffnung des russischen Marktes jetzt in der Türkei. Hohe Nachfrage bei fehlendem Angebot lässt die Preise in vielen Bereichen steigen.