aktionstheater ensemble setzt in „Alles normal“ auf Humor

Martin Gruber und sein Team thematisieren die „normal“-Diskussion © APA/aktionstheater ensemble/Stefan Hauer

Wer das aktionstheater ensemble kennt, der dachte schon, dass Martin Gruber bei der Arbeit mit dem Team um den Begriff „normal“ nicht herumkommt. Österreichs Kanzler, Rechtskonservative und Rechtspopulisten haben sich daran festgebissen. Ein besonderes Bühnenformat erlaubt es Gruber, diesem „Angriff auf die Humanität“ mit Humor zu begegnen. Es hat sehr gut funktioniert, wie das Publikum der Uraufführung von „Alles normal“ am Dienstagabend am Dornbirner Spielboden bekundete.

Wer anführen möchte, dass sich in Theaterräumen ohnehin eher jene Menschen einfinden, denen klar ist, dass ein eigens apostrophierter Fokus auf das Normale, auf das, was einer Norm entspricht, in der Politik Ausgrenzung beinhaltet bzw. eine Ablehnung von Diversität, dem hält Martin Gruber seine Motivation entgegen. Seit rund 35 Jahren macht er – international beachtet – in Wien und Vorarlberg Theater, seit zwei Jahrzehnten ist dieses konkret politisch konnotiert. Wenn sich ein Diskurs auf die Ebene der Kunst verlagere, finde er wenigstens statt, erklärt er im Gespräch mit der APA: „Das darf man nicht unterschätzen, sonst zieht man sich zurück und sagt: ‚Lass den Karren halt in den Dreck fahren.‘ Mir ist es wichtig, mit Kunst Haltung zu zeigen, und ich liebe den anarchischen, zersetzenden Humor.“

In „Alles normal“ zeigt er viel davon. Und er hat mit dem im Untertitel erwähnten „Salon d’amour“ die Einbeziehung eines Formats gewählt, das ihm die Berücksichtigung von performativen Elementen sowie eine Abfolge von Einzelszenen, Zitaten und Lesungen erlaubt, die sich nicht ineinander zu verzahnen brauchen. Vor Jahren im Bregenzer Magazin 4 entwickelt, bot die Kunstlounge unter diesem samtenen Namen Könnern wie Newcomern verschiedener Genres ein Podium für durchaus bissige Kommentierung. Dieses Mal ist es eine Begegnung mit bekannten, formidablen Schauspielerinnen und Schauspielern sowie Musikerinnen und Musikern, der Videokünstlerin Resa Lut und dem Schriftsteller und Poetry Slammer Elias Hirschl. Das Format verträgt auch Tiefschläge, zu denen Conférencière Babett Arens souverän ausholt, wenn sie eingangs von „Umwälzungen“ im kommenden Wahljahr spricht sowie vom „Mut und der Zuversicht“, die uns mit den großen Herausforderungen versöhnt, „die eben so ein viertes Reich mit sich bringt“. Die „leichte Muse“ solle in „Alles normal“ gefeiert werden, doch erstens passiert selbstverständlich gerade das nicht und zweitens lässt die Betonung dieses Vorhabens schon ahnen, dass hier der Witz in seiner Eigenschaft als alles erschütternde Kraft Anwendung findet.

So schweben etwa unter dem Geplänkel um eine als normal zu bezeichnende Penisgröße patriarchale, Hierarchien auslösende Machtstrukturen. Monica Anna Cammerlander (auch als Cellistin eingesetzt) setzt es launig in Gang, und Thomas Kolle kennt die Nonchalance, mit der das Thema in heiterer Ungezwungenheit am Laufen bleibt. Die bildliche Erläuterung einer operativen Gliedverlängerung erfolgt in einer von Tamara Stern listig-klug geleiteten Gruppenperformance mit dem ausgestreckt erhobenen rechten Arm.

Das könnte banal wirken, doch vor Plattheiten bewahrt das Ensemble Perfektion und ein Timing, das das Orchester mit vor allem eigenen Werken von Atanas Dinovski, Gidon Oechsner und Daniel Neuhauser perfekt mitverantwortet. Der direkte Kontakt mit den zum Teil auf der Auftrittsfläche an Salontischen platzierten Zuschauern scheint Isabella Jeschke in ihrer Penetranz erst noch anzuturnen. Sie will keine Politik, sondern nur noch das Schöne an sich heranlassen, während Michaela Bilgeri mit dem Aufzählen von Wirtshausgerichten mit dazugehörenden Preisen ein ironisches Spiel treibt. Elias Hirschl kocht die Suppe literarisch auf und würzt sie mit einer angeblich als normal empfundenen Heimtücke, mit Empathielosigkeit und Gewaltbereitschaft. Die Wirkung des Gebräus liegt dabei in der Überhöhung, in der Kombination mit der Musik und den Videos mit überzeichneten Paaren vor einer weiten Berglandschaft, die sich am Ende in eine dystopische Wüste verwandelt. Darüber ist nicht mehr einer dieser dummen Werbesprüche à la „Hier bin ich Mensch…“ projiziert, sondern die Drohung „Es wird Verletzungen und Verwundungen geben – es wird ein anderer Wind wehen in diesem Land“ aus den „Heimattour-Auftritten von Herbert K.“. Das Orchester kontrastiert sie mit „Take this Waltz“ von Leonard Cohen.

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Berührend naiv meint Zeynep Alan, dass ihr migrantischer Hintergrund ob ihrer weißen Haut im kommenden Jahr nicht zum Problem werde. Thomas Kolle zieht so ganz nebenbei in Betracht, dass man sich ja auch umbringen könne, wenn es dann als Künstler mit der Anbiederung „an die Naz…“, die „Österreicherinnen und Österreicher“ nicht klappt. Wie es den Blick in die Abgründe lenkt, wie es diese Notwendigkeit unterstreicht, ist eine Spezialität des aktionstheater ensemble. Sie zeigt sich vielschichtig und mit ungeheuerlicher, eben außerordentlicher Konsequenz.

(Von Christa Dietrich/APA)

„Alles normal“, ein „Salon d’amour“-Stück, Uraufführung von Martin Gruber und dem aktionstheater ensemble. Konzept und Inszenierung: Martin Gruber; Text: Martin Gruber und aktionstheater ensemble sowie Elias Hirschl, Wolfgang Mörth u.a.; Ausstattung: Valerie Lutz; Video: Resa Lut. Mit Zeynep Alan, Babett Arens, Michaela Bilgeri, Monica Anna Cammerlander, Atanas Dinovski, Elias Hirschl, Isabella Jeschke, Thomas Kolle, Lisa Lurger, Daniel Neuhauser, Gidon Oechsner, Daniel Schober und Tamara Stern. Weitere Aufführungen am Dornbirner Spielboden am 7., 8. und 9. Dezember, 20.00 Uhr. Wiener Erstaufführung. 13. Jänner, 19.30 Uhr, Theater am Werk, Kabelwerk; aktionstheater.at

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