Amouröses, Zaubereien und „Business-Händel“

Musiktheater Linz: G. F. Händels „Rinaldo“ feierte als zeitgeistige Barock-Oper gelungene Premiere

Frischer Wind wehte am Samstag durch die Premiere von Georg Friedrich Händels Oper „Rinaldo“ im Linzer Musiktheater, allerdings abgeschwächt von barock verzierten Flauten.

Der christliche Feldherr Rinaldo, der im 11. Jahrhundert nach manchen Wirren am Ende des 1. Kreuzzugs Jerusalem von den Osmanen „befreit“, übersiedelt in der Inszenierung Jens-Daniel Herzogs ins 21. Jahrhundert: Und zwar als Manager im Big Business, dessen interne Rituale gleich zu Beginn durch eine penibel choreographierte „Tanz“-Szene köstlich parodiert werden. Sein Widersacher Argante leidet unter den Launen seiner Geliebten Armida, einer Zauberin, und kann sich kaum ums Geschäft kümmern. Gegen dessen Firma bahnt sich eine „feindliche Übernahme“ an, die von Rinaldos Firmenchef Goffredo und dessen Bruder Eustazio über Rinaldo vorangetrieben wird. Leider kommen jede Menge amouröse Verwicklungen dazwischen, in denen die Geliebte Rinaldos, Almirena, und die ihr zum Verwechseln ähnliche Armida zentrale Figuren darstellen. Nach vielerlei Tricks, tiefgründigen Arien und von Donner und Blitz begleiteten Zaubereien kommt es zum Showdown, in dem die beiden Business-Teams im Stil von perfekt inszenierten „Martial-Arts“ aufeinanderprallen. Er endet in einem faulen Frieden und hehren Tönen von Ehre und Tugend, die sogleich von den einander so ähnlichen Kontrahentinnen Armida und Almirena konterkariert werden …

Ideen-Feuerwerk

Die Inszenierung bietet ein Feuerwerk köstlicher Ideen auf, die von den Protagonisten zumeist spielfreudig aufgegriffen werden: Allen voran Bassist Adam Kims „Argante“ und Ilona Revolskajas „Armida“, die auf allen Ebenen dominiert. Countertenor Alois Mühlbacher gibt ein tolles Operndebut und breitet als Eustazio sein großes technisches Repertoire eindrucksvoll aus. Fenja Lukas (Almirena) und Angela Simkin (Rinaldo) fügen sich stimmlich und „spielerisch“ sehr gut in die Spitzengruppe ein, in der auch Sophie Kidwell als „christlicher Magier“ witzig und überraschend agiert.

Celine Akcag singt mit samtigem Alt einen noblen „Feldherrn“ Goffredo, der mehr zuschaut als führt. Das Tanzensemble des Hauses glänzt mit den schon zitierten Auftritten; das Bruckner Orchester, verstärkt durch Spezialisten wie Blockflötist Michael Oman (der fabelhaft Vogelstimmen imitiert), löst seine zahlreichen solistischen Aufgaben souverän; Ingmar Beck treibt als Dirigent das musikalische Geschehen temperamentvoll voran, soweit dies möglich ist. Denn bis so eine barocke Arie mit ihrer Ornamentik, ewigen Wiederholungen und zahllosen Koloraturen vollendet ist, das dauert. Die grundsätzliche Struktur einer Barockoper mit ihren erzählenden Rezitativen und glorios-kunstvollen Arien wie das berühmte „Lascia ch´io piangia“ geht letztlich mit einer rasanten Inszenierung nicht ganz zusammen. Doch Witz und Einfallsreichtum machen die systemimmanenten Längen mehr als wett. Daher: oft Szenenapplaus und heftiger Beifall am Ende.

Von Paul Stepanek