Austro-Thriller „Serviam“ feierte Weltpremiere in Locarno

Ruth Mader erzählt in Locarno mit „Serviam“ eine ernste Geschichte © APA/HANS PUNZ

Der Todeskampf einer Glaubenslüge, die ihre treuen Diener in den Abgrund reißt: „Serviam – ich will dienen“, Ruth Maders Thriller über Einschüchterung und Gewalt in einem katholischen Wiener Internat der 1980er, feierte heute, Dienstag, Weltpremiere beim Locarno Film Festivals. Die österreichische Produktion läuft hier im Hauptwettbewerb um den prestigeträchtigen und mit 90.000 Schweizer Franken (92.090 Euro) dotierten „Goldenen Leoparden“, der am 13. August verliehen wird.

Regisseurin Ruth Mader studierte Regie an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst, das Drehbuch für „Serviam“ wurde schon 2007 in der Reihe „L’Atelier“ präsentiert. Gedreht wurde der Film nun im Stift Zwettl im niederösterreichischen Waldviertel. Der aufwühlende Film erzählt allerdings die Geschichte eines katholischen Mädcheninternats im Wien der 1980er. Es ist eine der letzten Bastionen des bröckelnden Glaubens in einem krisengeschüttelten Jahrzehnt. Nach außen hin wahren die verbliebenen Hüterinnen des Katechismus den verlogenen Schein einer heilen, frommen Welt. Beim Blick hinter die verstaubten Kulissen aber offenbart sich die fatale Lüge: Der morbide Gegenentwurf zur lasterhaften Gesellschaft draußen wird drinnen zur physischen und psychischen Folterkammer unbedarfter Kinder.

Nicht umsonst findet sich die im Internat glorifizierte Marter phonetisch im Namen der Protagonistin wieder. Martha ist eine tiefgläubige Zwölfjährige, deren herzzerreißend naives Vertrauen in den Schutz des Allmächtigen und das Wohlwollen seiner doppelzüngigen Dienerinnen schon in der ersten Szene aufblitzt. In die dunkle Stille des Vorspanns hinein stimmt sie Psalm 91 an: „Denn er befiehlt seinen Engeln, / dich zu behüten auf all deinen Wegen“.

Der vermeintliche Schutz dieser Engel wird Martha zum Verhängnis: Als Lieblings- und Vorzeigeschülerin der Internatsleiterin, ihrerseits eine resolute Klosterschwester, gespielt von Maria Dragus („Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“), die sich mit verblendeter Hingabe gegen den Niedergang des Glaubens stemmt, wird Martha vom glühenden Fundamentalismus angesteckt. Im Wahn, für die Sünden der Welt sühnen zu müssen, verletzt sie sich mit dem Bußgürtel ihrer Mentorin. Schwer vernarbt wird die traumatisierte Martha in einem leer stehenden Stockwerk versteckt, um dem drohenden Skandal den Wind aus den Segeln zu nehmen. Nur eine bricht das bleierne Band des Schweigens, das alle Anwesenden unheilvoll zu verbinden scheint: Die couragierte Sabine, die der Pförtnerin gegen Ende des Films entgegenschleudert, was dem Zuseher auf der Zunge liegt: „Sie können wohl nicht selber denken!“

Langsame Kamerafahrten und ausdauernd stehende Bilder in oft wortlosen Sequenzen vergegenwärtigen die angstvolle Stille, die die Schule mitsamt ihrer Belegschaft im eisigen Schwitzkasten hält. Die in kreisenden Schwingungen pulsierende Musik von Manfred Plessl, der bereits „Streif – One Hell of a Ride“ (2014), Österreichs meistbesuchte Kinodokumentation, untermalte, baut sich immer wieder bedrohlich auf und macht die Furcht aller Beteiligten greifbar. Entspinnt sich ein seltener Dialog, bringt er Beklommenheit, Angst und Selbstzweifel zum Ausdruck. Das beredte Schweigen verstärkt zwar die Atmosphäre in der düster und eintönig inszenierten Klosterschule, wirkt mitunter aber überreizt, die immer wieder unmittelbar auftauchende Internatsleiterin etwas zu sehr auf Gruseligkeit getrimmt. Formidabel wiederum werden die immer gröberen Risse in der Fassade der Klosterschwester angedeutet. Ausgerechnet ein renitenter Oberstufenschüler stellt sie im ersten Teil des Films auf die Probe: „Verstellt uns nicht unser hinfälliger Glaube den Blick auf eine Revolution, die längst stattgefunden hat? Sie haben Angst vor der Liebe!“. Ihre widerwillig hervorgepresste Antwort: „Sie haben Angst vor Gott!“. Sie wankt in dieser frühen Szene, aber fällt nicht. Noch nicht.

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„Serviam“ versteht sich laut den Autoren als schonungsloser Spiegel einer säkularisierten Gesellschaft, die eine geflissentlich fehlinterpretierte Glaubenslehre als Alibi vorschiebt. Frömmigkeit wird missbraucht als Gängelband der Schwachen, das immer tiefer einschneidet: „Die brennende Frage, die ‚Serviam‘ bis zum Ende durchexerziert, ist überzeitlich: Was, wenn da plötzlich jemand die Lehre vom Sinn des Leidens radikal lebt? Und was, wenn ein Kind aus Liebe zu Christus in den Tod zu gehen bereit ist?“, urgiert die Filmvorschau. Eine Frage, die in Zeiten moderner Glaubenskriege mindestens ebenso aktuell erscheint wie in der abgeschiedenen Wiener Klosterschule, die Ruth Mader gekonnt gnadenlos seziert. Ein scheinbar friedvoller Ort, an dem sich alle Beteiligten hineinsteigern in den zerstörerischen Wettlauf um den letzten Platz. Der Letzte, der vom Glauben abfällt. Denn der Letzte soll der Erste sein. Wenn man daran glaubt.

(S E R V I C E: serviam.at)

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