Bad Ischls Bürgermeisterin: Kulturhauptstadt „größte Chance“

Die Bad Ischler Bürgermeisterin Ines Schiller (SPÖ) © APA/HELMUT FOHRINGER

Bad Ischl bereitet sich derzeit auf Großes vor. Im Jänner wird die Kurstadt zur Kulturhauptstadt – gemeinsam mit 22 anderen oberösterreichischen und steirischen Salzkammergut-Gemeinden. Davon ist freilich noch nicht viel zu merken. Dafür sei vor allem das „Ö3-Weihnachtswunder“ verantwortlich, erklärt Bürgermeisterin Ines Schiller (SPÖ) im APA-Interview. Noch im Dezember will der Gemeinderat eine Lösung für den Umgang mit dem umstrittenen Dichter Franz Stelzhamer beschließen.

APA: Frau Schiller, wenn man derzeit durch Bad Ischl schlendert, weist – abgesehen von Bannern am Lehár Theater – kaum etwas auf die kommende Kulturhauptstadt hin. Woran liegt das?

Ines Schiller: Wir haben Plakate „Wir sind Kulturhauptstadt“ an allen Ecken und Enden gehabt, doch im Augenblick ist das alles ausgetauscht, weil wir uns jetzt auf das „Ö3-Weihnachtswunder“ konzentrieren. Dafür wird das Glas-Studio im Kurpark aufgestellt. Von 19. bis 24. Dezember werden 120 Stunden durchmoderiert für „Licht ins Dunkel“. Da werden tausende Leute jeden Tag in der Stadt erwartet und treten irrsinnig viele Bands auf. Das ist ein Hineinfeiern in die Kulturhauptstadt. Da gibt’s eine Warm-up-Party, und vom kulinarischen Dorf bleibt gleich einiges für die Kulturhauptstadt stehen. Erst dann werden überall Stelen aufgestellt, wo auf das Programm hingewiesen wird.

APA: Die ersten Jahre der Planung waren recht schwierig – es wurde die Intendanz ausgetauscht, die heimische Kulturszene fühlte sich zu wenig wahrgenommen, von kommunalpolitischem Streit war zu hören. Hat man das hinter sich gelassen?

Schiller: Wir haben im November 2019 den Titel bekommen, und dann ist gleich darauf Corona gekommen – was natürlich einiges erschwert hat. Ich bin der Überzeugung, dass es gut war, den Intendanten-Wechsel relativ bald vorzunehmen, denn mit Elisabeth Schweeger haben wir eine fachlich sehr kompetente künstlerische Führung bekommen. Beim Open Call sind über 1.000 Projekte eingereicht worden, und natürlich sind nicht alle zum Zug gekommen – teilweise, weil sie nicht in die vier Programmsäulen hineingepasst haben, aber auch, weil das Budget nicht ausgereicht hat. 30 Millionen Euro: So wenig Budget hatte noch nie eine Kulturhauptstadt. Bei den fast 300 Projekten, die umgesetzt werden, kommen über 80 Prozent der Projektträger aus der Region. Was das Kommunale in Bad Ischl betrifft, ist das eine ganz andere Geschichte. Politik ist, wie sie ist: Es gibt immer welche, die an allem etwas auszusetzen haben. Aber das ist bei jedem Projekt so.

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APA: Wie läuft die Zusammenarbeit mit den 22 anderen Gemeinden?

Schiller: Die Kulturhauptstadt ist die beste und größte Chance, die unsere Stadt und unsere Region kriegen konnte. Wir ziehen gemeinsam an einem Strang. Es hat vom Bund die Vorgabe gegeben, dass kein Euro in Infrastruktur fließen darf. Das ist teilweise in den Kommunen negativ aufgestoßen. Aber dann hat es eine Liste gegeben, wo alle Gemeinde Infrastrukturmaßnahmen einreichen konnten, und da war die Kulturhauptstadt ein großer Türöffner für Förderungen, die wir sonst niemals bekommen hätten. Wir haben in Bad Ischl etwa für die Lehárvilla und das Stadtmuseum Förderungen von Bund und Land lukriert, wo ich mir zu 100 Prozent sicher bin, dass die sonst nicht geflossen wären. Und überall war die Kulturhauptstadt bei der Konzepterstellung mit dabei. Wir 23 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sind sicher noch nie so oft an einem Tisch gesessen wie in den letzten Jahren und haben gemeinsam an etwas gearbeitet. Das ist gelungen!

APA: Gibt es nicht zu denken, dass man in der Region für diese Zusammenarbeit den Umweg Europa gebraucht hat?

Schiller: Auf der einen Seite ist es natürlich traurig, dass es einen solchen Motor braucht, aber es ist leider Gottes so. Da ist aber das Salzkammergut, glaube ich, keine Ausnahme, dass man sich zu wenig mit der ganzen Region beschäftigt. Im Norden und im Süden des Salzkammerguts hat man ganz andere Schwerpunkte: Alles, was rund um Gmunden ist, hat einen Industrieschwerpunkt, bei uns im inneren Salzkammergut steht der Tourismus im Zentrum. Aber wir sind nicht erst seit 2019 zusammengewachsen. Schon durch die Bewerbung hat man Verständnis bekommen für die Probleme in anderen Kommunen.

APA: „National oder international?“ ist eine Konfliktzone bei jeder Kulturhauptstadt. Wie sieht das in Bad Ischl aus?

Schiller: Unsere Künstler profitieren sicher davon, weil ein Netzwerk gebildet wird und ein Austausch stattfindet. Bereits jetzt gibt es viel mehr Anfragen – ob das jetzt Ausstellungen sind, Literaturbewerbe oder andere Projekte. Heuer ist mir so richtig bewusst geworden, dass von überall die Augen auf uns gerichtet sind. Bei den Projekten aus der lokalen Szene, die nicht angenommen wurden, haben wir als Stadtgemeinde geschaut, dass wir Möglichkeiten finden, diese Projekte trotzdem umzusetzen. Wichtig ist die Nachhaltigkeit: Was bleibt danach? Die Kulturhauptstadt GmbH wird 2025 ja aufgelöst, und danach gibt es ein Regionalforum, in dem wir auch Künstlerinnen und Künstler aus der Region einbinden. Schon wie ich Lehrerin war, habe ich immer alle zur Mitarbeit eingeladen – aber manche gibt es halt auch, die wollen nicht mitarbeiten. Ich glaube, wir werden es auch schaffen, jene an Bord zu holen, die jetzt enttäuscht sind, weil ihr Projekt nicht angenommen worden ist. Aber wer sagt, wir brauchen die von außen nicht, der hat das Projekt nicht verstanden. Es ist ein internationales Projekt. Es ist die Kulturhauptstadt Europas und nicht die Kulturhauptstadt vom Salzkammergut! Wir tragen unsere Künstler in die Welt hinaus – aber manchmal ist es auch gut, wenn was Neues von außen reinkommt. Ich sag’ immer: Bei der Kulturhauptstadt wird für jeden und jede etwas dabei sein – aber natürlich wird nicht alles für alle sein.

APA: Ist es nicht absurd, dass die Sanierung des Lehár Theaters erst nach dem Kulturhauptstadtjahr so richtig in Angriff genommen wird?

Schiller: Beim Lehár Theater tut es mir sehr leid, aber da hat es zwei Jahre nur ein politisches Hickhack gegeben. Aufgrund dessen ist es leider Gottes gescheitert, da muss man ganz ehrlich sein. Aber es wird sonst von der Infrastruktur viel bleiben: Wir haben die Lehárvilla um vier Millionen renoviert, wir konzeptionieren das Museum der Stadt komplett neu, das wird ein Museum für alle Generationen. Wir haben ein Mobilitätskonzept eingereicht, wo wir ab 1. Jänner das Salzkammergut Shuttle anbieten. Im Sudhaus stehen seit vielen Jahren Räumlichkeiten leer. Dort wird die Hauptausstellung stattfinden und es gibt ein Konzept, nach dem ab 2025 die Generalsanierung stattfinden wird. Das wird rund drei Jahre Bauzeit brauchen und soll die Stadtbibliothek beherbergen, ein Offenes Kulturhaus und Co-Working-Spaces. Das wirkt alles über 2024 hinaus. Ich war 2022 bei der Eröffnung der Kulturhauptstadt Novi Sad. Alles, was man dort am Eröffnungswochenende außer der Show gesehen hat, waren Baustellen. Da war überhaupt nichts fertig.

APA: Ihre Eröffnungstage sind der 20. und 21. Jänner. Es war zu lesen, dass sich Bürger und Bürgerinitiativen überlegen, diese Tage für Proteste zu nutzen. Glauben Sie, dass es dazu kommen wird, oder kann man rechtzeitig alle befrieden?

Schiller: Das kann man nie, das würde ich mir auch manchmal wünschen. Jedes Projekt hat Befürworter und Gegner. Rückwirkend ist es dann anders. Ich denke etwa an die Landesgartenschau 2015: Das war eine katastrophal negative Stimmung. Wenn man aber jetzt durch die Stadt geht, sieht man soviel Positives, das durch die Landesgartenschau entstanden ist. Davon haben wir enorm profitiert. Das wird bei der Kulturhauptstadt genauso sein.

APA: Noch im Dezember soll der Gemeinderat Straßenneubenennungen beschließen. Wird da auch die Frage gelöst, wie man künftig mit dem umstrittenen antisemitischen Autor Franz Stelzhamer, dem Dichter der Landeshymne, umgeht?

Schiller: Wir werden keine Umbenennungen vornehmen. Es gibt ein Projekt, das heißt „Erinnerungskultur“, das hatte drei Schritte, der erste waren Stecknadeln der Erinnerung, das haben wir heuer bereits im Sommer eröffnet. Der zweite Teil ist die Benennung von Plätzen nach Frauen, die im Widerstand waren oder nach Frauenrechtlerinnen. Am 14. Dezember wird es einen Beschluss geben, wo neun Plätze nach Frauen benannt werden, und ein Platz davon ist der Theresia-Pesendorfer-Platz im Kurpark. Der Stelzhamer-Kai wurde von der Historikerkommission auch zur Umbenennung vorgeschlagen. Das hat aber keine Mehrheit gefunden. Auch ich habe dafür plädiert, ihn nicht umzubenennen, sondern eine Zusatztafel anzubringen. Auch bei der Büste wird es eine Zusatztafel geben, weil ich der Meinung bin, man soll nicht verstecken und entfernen, sondern bewusst zeigen, was passiert ist, und sich damit auseinandersetzen.

APA: Was ist Ihre ganz persönliche Erwartung an das Kulturhauptstadtjahr?

Schiller: Für mich ist das Wichtigste, dass von diesem Jahr möglichst viel bleibt. Wir sind ja gerade im Kulturbereich sehr saisonlastig unterwegs und probieren, im Kulturhauptstadtjahr auch die Nebensaisonen kulturell gut zu bespielen. Wir wollen als kleine Stadt das Pendant zur Großstadt werden und aufzeigen, dass man bei uns nicht nur gut Urlaub machen kann, sondern dass es auch eine lebenswerte Stadt ist, in der man sich gerne niederlässt.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

salzkammergut-2024.at; oe3weihnachtswunder.at

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