Barbara Frey mag „das Spinnennetzhafte“ an „Das weite Land“

Barbara Frey inszeniert „Das weite Land“ © APA/GEORG HOCHMUTH

Barbara Frey und das Burgtheater – das ist eine lange erfolgreiche Verbindung. Zuletzt gab es für ihre Inszenierung von „Automatenbüffet“ einen Nestroy-Preis und eine Einladung zum Berliner Theatertreffen. Als Intendantin der Ruhrtriennale setzt die Ex-Chefin des Zürcher Schauspielhauses auf jährlich eine Koproduktion mit dem Burgtheater. Am Samstag (20.8.) hat in Bochum Schnitzlers „Das weite Land“ Premiere. Im Akademietheater ist die Inszenierung ab 2. September zu sehen.

Es wird eine straffe, pausenlose Version dieser verästelten Tragikomödie, in der private Kleinkriege mit großer Verbissenheit und Schonungslosigkeit geführt werden und sich der große Krieg, der die ganze Gesellschaft in den Untergang reißen wird, am Horizont abzeichnet. „Wir wollen den Plot deutlicher machen und das Skelett des Stückes freilegen“, sagt Frey im Gespräch mit der APA. „Schnitzler hatte beim Schreiben einen Komplettheitsanspruch, den wir gar nicht so wichtig finden.“

Beim den Wienern heiligen Arthur den Rotstift anlegen? Hat die resolute Schweizerin keine Angst, damit ein Sakrileg zu begehen? „Streichen ist am Theater ein völlig normaler Vorgang“, kontert sie knochentrocken. „Das Austriakische ist ja manchmal ein bisschen girlandenhaft und nicht mehr zeitgemäß. Dieser sogenannte Schnitzler-Ton, den ich selbst ja gar nicht kenne, ist nicht das Interessante.“ Das sei vielmehr die Parallelität zur „Argwohns- und Misstrauensgesellschaft“ von heute, die allerdings unter höherem Stress stehe. „Das sorgt für höhere Nervosität und macht die Sprache scharf und angriffig.“

Die Geschichte um den selbstgerechten Glühlampenfabrikanten Friedrich Hofreiter (Michael Maertens), in dessen Magnetfeld nicht nur seine Gattin Genia (Katharina Lorenz), sondern auch eine Vielzahl von weiteren Figuren ihre Selbstbestimmtheit verlieren, sieht die Regisseurin aktuell wie eh und je. Sogar, dass Ehrenrettung per Duell betrieben wird, sei keineswegs antiquiert. „Wenn man jemanden vernichten will, geht man halt nicht mehr auf eine Lichtung am Waldrand, sondern ins Internet. Aber Duelle gibt es nach wie vor. Das derzeit größte ist jenes zwischen Putin und Selenskyj.“ Auch Hofreiter habe einen Zerstörungs- und Auslöschungswillen, der andere in den Untergang reiße. „Vergessen wir nicht: Genia nennt ihn einen Mörder!“

Was Frey an „Das weite Land“ interessiert, ist „das Spinnennetzhafte, das Weitverzweigte, das Facettenreiche, das Musikalische; es ist die Schönheit des Titels, die sich aufgrund der Eskalationen in Schwärze verwandelt; es ist die Unklarheit der Motive, die gleichzeitig offenbart und verborgen werden. Schnitzler nannte es das Halbbewusste. Der Schnitzler der Traumnovelle ist mir ja der Liebste – hellwach und manchmal dennoch träumend.“

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Neben Michael Maertens und Katharina Lorenz spielen Bibiana Beglau, Dorothee Hartinger, Sabine Haupt, Felix Kammerer, Branko Samarovski, Nina Siewert und Itay Tiran. Die Bühne, die nach fünf Vorstellungen in der Jahrhunderthalle ins Akademietheater übersiedelt, stammt von Martin Zehetgruber, für einen weiteren Akzent wird ein immer wieder auftauchendes Klavierstück von György Ligeti sorgen. Nach Edgar Allan Poes „Der Untergang des Hauses Usher“ in der vergangenen Saison ist „Das weite Land“ die zweite von drei Koproduktionen des Burgtheaters mit der Ruhrtriennale, deren 2022er-Ausgabe am vergangenen Donnerstag gestartet ist. Was wird 2023 zum Abschluss ihrer dreijährigen Intendanz folgen? „Das wissen wir noch nicht“, sagt Frey. Und macht ein Pokerface dabei.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

„Das weite Land“ von Arthur Schnitzler, Regie: Barbara Frey, Bühne: Martin Zehetgruber, Kostüme: Esther Geremus, Musik: Josh Sneesby, Mit: Katharina Lorenz – Genia Hofreiter, Michael Maertens – Friedrich Hofreiter, Bibiana Beglau – Anna Meinhold-Aigner und Doktor von Aigner, Felix Kammerer – Otto, ihr Sohn, Dorothee Hartinger – Frau Wahl, Nina Siewert – Erna, ihre Tochter, Itay Tiran – Doktor Franz Mauer, Branko Samarovski – Bankier Natter, Sabine Haupt – Adele, seine Frau, Koproduktion Burgtheater mit der Ruhrtriennale. Vorstellungen in der Jahrhunderthalle Bochum: 20., 22., 24., 25., 26., jeweils 20 Uhr, ruhrtriennale.de. Erste Vorstellungen im Akademietheater Wien: 2., 4., 11., 20.9., jeweils 19 Uhr, burgtheater.at

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