„Bei uns gibt es kein Halbplayback, wir sind Musiker“

Mit dem Album „Schian!“ kommt Multi-Instrumentalist Herbert Pixner auch nach OÖ

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Am 13. August stellt das Herbert Pixner Projekt das neue Album „Schian!“ im Atrium in Bad Schallerbach vor, am 15. Oktober sind sie in Bad Ischl (Congress) und am 26. November in Linz (Brucknerhaus). © Herbert Pixner Projekt/Rudolstadt

Gerade hat das Herbert Pixner Projekt das neue Album „Schian!“ herausgebracht und tourt damit durch Österreich. Mit Südtiroler Herbert Pixner (46) sprach das VOLKSBLATT über Neugierde, die Elbphilharmonie und Hansi Hinterseer.

VOLKSBLATT: Wo würden Sie sich denn mit Ihrem neuen Album „Schian!“ selbst musikalisch gerade verorten?

HERBERT PIXNER: Das ist eine schwierige Frage. Die vergangenen Jahre waren davon geprägt, dass wir wenig auf der Bühne waren, aber viele andere Projekte machen konnten. Etwa das Album mit Ernst Molden. Das Album Nummer 13 ist fast so eine Art Querschnitt der vergangenen 17 Jahre geworden und wir sind zurück zu den natürlichen Klangbildern der Instrumente, die wir benutzen, gegangen. Ich gehe eigentlich immer nach Bauchgefühl und nie nach irgendwelchen Trends. Ich habe gespürt, dass ich etwas Ruhigeres machen möchte und weniger Lust habe, provokativ zu sein.

Eigentlich ist der Titel „Schian“ ja doch ein bisschen provokativ, weil „schön“ ist auf der Welt gerade wenig. Ist das Album auch ein bisschen als Gegenentwurf zu sehen?

Der Titel war schon klar, bevor das Album geschrieben war. Erstens ist „schian“ ein schöner Begriff aus dem Südtiroler Dialekt. Und vielleicht brauchen wir gerade alle auch „a bissl ‘was Schians“. Wenn man die Sozialen Medien aufmacht oder die Nachrichten einschaltet, findet man derzeit relativ wenig Schönes. So können wir vielleicht musikalisch etwas gegensteuern.

Besonders ist, dass bei diesem Album ein Klavier dabei ist. Wie kam’s dazu?

Geplant war es nicht. Pianist Alex Trebo kenne ich seit vielen, vielen Jahren. Im Oktober letzten Jahres ist Gitarrist Manuel Randi kurzfristig ausgefallen und Alex für Konzerte eingesprungen. Das Klavier übernimmt nicht unbedingt den Part der E-Gitarre, aber es mischt sich unglaublich gut mit unserer Besetzung. Da haben wir gewusst, wenn ein neues Album kommt, muss der Alex mit dabei sein.

Ihre Musik lässt sich schwer in eine Schublade packen, deckt viele Stile ab. Gibt es etwas, das gar nicht passen würde?

Die Steirische Harmonika ist ja relativ beschränkt, weil sie diatonisch ist. Man hat halt nur diese vier Dur-Tonarten drauf und zwei parallele Moll-Tonarten. Natürlich würde ich gerne auch noch ‘was anderes ausprobieren, aber das ist halt leider nicht möglich. Man reizt das Instrument so gut als möglich aus. Blues funktioniert unheimlich gut, Tango, Gipsy Jazz … weil sie sehr ähnliche Harmonien haben wie die alpine Popularmusik. Das kommt alles mit vier bis fünf Tonarten aus. Sonst schreibt man halt seine eigenen Sachen, die eher vom Progressive Rock inspiriert sind, vielleicht auch von Pink Floyd.

Auf dem Album steht „handgemacht“. Inwiefern kann man heute auf elektronische Hilfe verzichten?

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Wir arbeiten immer auch gerne mit Effektgeräten, aber es ist trotzdem alles handgemacht. Bei uns wird nichts eingespielt, es gibt kein Halbplayback. Wir können auch nicht anders, wir sind Musiker. Da würde ich mich auch nicht wohlfühlen. Jedes Konzert ist neu, es ist wahnsinnig viel improvisiert und offen. Es kann ein Stück einmal vier Minuten dauern und beim nächsten Mal zehn Minuten. Sobald man sich da einschränkt, so dass das eine Show mit Timecode wird, ist man gefangen von der Technik.

Fühlt es sich auch anders an, auf einem Festival zu spielen oder in der Elbphilharmonie?

Bei Open-Airs wird man von vielen andern Eindrücken abgelenkt. Die Vögel singen, die Sonne geht gerade unter … Für mich persönlich ist das, ehrlich gesagt, immer anstrengender, man ist ja konzentriert wie ein Spitzensportler. Ich muss schauen, dass ich das Publikum bei mir behalte. In einem Saal liegt, sobald das Licht ausgeht, der Fokus auf der Bühne. Ganz ehrlich, spiele ich fast lieber drinnen.

Eine Sache, die nahezu jeder, der bei einem Ihrer Konzerte war, liebt, ist die unglaubliche Spielfreude, die alle auf der Bühne haben. Wie schafft man das, gerade auf Tournee, die Energie hochzuhalten?

Man hat im Hinterkopf, dass die Leute im Publikum sich vielleicht vor einem Jahr ihre Tickets gekauft haben, sich eine Anfahrt von 500 Kilometern angetan haben, um uns zu hören. Die möchten das beste Konzert hören, das wir je gespielt haben. Da wir uns mehr als die Hälfte der Stücke, die wir spielen, offenhalten, ist es für uns jedes Mal wieder frisch und neu. Dann spielt Manuel mir eine Phrase vor und ich führe sie fort … das ist jedes Mal wieder anders. Ich glaube, das spürt das Publikum, dass das nicht einfach ein runtergespieltes Konzert ist, damit wir danach unsere Gage mitnehmen können. Es ist unser Credo, dass wir, sobald wir diese Freude und diese Begeisterung für die Musik bei einem Konzert einmal nicht mehr haben sollten, aufhören müssen. Dann ist es vorbei. Dafür ist mir die Musik zu wertvoll. Für mich ist die Bühne heilig, da hat man einfach abzuliefern.

Sie sind ein Tausendsassa, in vielen Bereichen aktiv. Sind Sie neugierig, langweilen Sie sich schnell oder können Sie nie Nein sagen, wenn jemand mit einer neuen Idee kommt?

(lacht) Ich bin ein sehr neugieriger Mensch! Es gibt gewisse Sachen, die will ich einfach selbst ‘mal probiert haben und die Hintergründe wissen. Manchmal gebe ich dann Sachen wieder ab, aber da muss ich dann genau diese Leute finden, denen ich vertrauen kann, wo ich weiß, die haben die gleiche Leidenschaft wie ich. Wenn das nicht der Fall ist, dann bin ich halt oft so, dass ich mir denke: Dann mach ich es halt lieber selbst.

Ich habe gelesen, es gab Zeiten, da wurden Sie von sogenannten Volksmusik-Puristen angefeindet. Ist das noch immer so, oder sind Sie mit allen im Reinen?

Es gibt überall die Extremisten, wenn man sie so nennen darf. Aber wir haben mittlerweile unser Alleinstellungsmerkmal kreiert. Bei uns geht es darum, Musik zu machen und nicht, wie oft behauptet wird, die Volksmusik zu erneuern oder zu entstauben. Ich will musikalisch etwas machen, das halbwegs wertvoll ist. Zufälligerweise machen wir das auf Instrumenten, die der traditionellen alpinen Volksmusik zuzurechnen sind. Ich muss mich auf das, was wir machen, so konzentrieren, da sind mir solche Sachen oft zu unwichtig. Es geht schlussendlich immer nur um Musik, und wie man da einen solchen Fanatismus entwickeln kann, ist mir ein Rätsel.

Das heißt, Sie haben auch kein Problem etwa mit volkstümlicher Musik, Andreas Gabalier usw. …

Es hat eh alles seine Berechtigung. Ich persönlich könnte es nicht machen, weil ich einfach einen anderen Anspruch an die Musik habe. Wenn man nur auf die kommerzielle Ausrichtung ausgelegt ist — das kann ich nicht. Da ist bei mir einfach viel zu viel Leidenschaft dahinter und künstlerischer Anspruch, als den Wunsch zu haben, noch größer, noch reicher und bekannter zu werden. Wir haben glücklicherweise ein Publikum, das wir uns seit den ersten Konzerten erspielt haben. Wir haben nie einen Hit gebraucht oder große Radio- oder TV-Präsenz, um die Konzerte zu füllen. Unsere Promotion war immer die Bühne. Und unser Publikum weiß auch, dass wir nicht berechenbar sind, dass wir in zwei Jahren vielleicht wieder ‘was ganz Schräges machen. Und genau das erwarten die Leute auch von uns, dass es nicht die fünfte Wiederholung von irgendeinem Stück gibt, das halt ein bisschen besser angekommen ist und deshalb zehnmal ausgeschlachtet wird. Wir machen das, wo wir uns wohlfühlen. Jeder soll machen, was er mag. Wenn jemand zu einem Konzert geht und sei es zum Hansi Hinterseer, oder er geht zu den Salzburger Festspielen, um sich eine Oper anzuhören, oder ein Metalkonzert … Wenn mir das was gibt, dann ist es ja gut! Immer noch besser, als vor einem Bildschirm zu sitzen und irgendwelche Hasspostings zu schreiben. Es ist gscheiter, die Leute gehen ins Konzert.

Interview: Mariella Moshammer

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