„Bin ich normal? Bin ich akzeptabel?“

Devrim Lingnau in der neuen Netflix-Serie „Die Kaiserin" als Sisi – Ab 29. September abrufbar

„Nicht einschüchtern lassen“: Devrim Lingnau als Elisabeth (mit „Kaiser“ Philip Froissant). Der Name Sisi behagt ihr nicht so.
„Nicht einschüchtern lassen“: Devrim Lingnau als Elisabeth (mit „Kaiser“ Philip Froissant). Der Name Sisi behagt ihr nicht so. © ThomasSchenk, Netflix

Sie schlüpft in mehrfacher Hinsicht in große Fußstapfen: Nicht nur ist Devrim Lingnau in der neuen Netflix-Serie „Die Kaiserin“ (ab Donnerstag) als Kaiserin Elisabeth von Österreich zu erleben. Die deutsche Schauspielerin sieht sich naturgemäß auch den „Sissi“- und damit Romy-Schneider-Vergleichen gegenüber.

Wie haben Sie sich in Kaiserin Elisabeth und den historischen Kontext eingearbeitet?

DEVRIM LINGNAU: Wir hatten sehr intensive Proben, bevor wir angefangen haben. Da haben wir uns sowohl historisch als auch ins Drehbuch eingearbeitet, das von den historischen Fakten in mancherlei Hinsicht abweicht. Wir haben versucht, für uns das Richtige auszubalancieren und sind da schon tief in die Materie eingestiegen. Ich habe viel Literatur zu Kaiserin Elisabeth gelesen, aber auch zum höfischen Leben. Wie ging es einer jungen Frau damals, was hat sie gefühlt, was wusste sie, inwiefern war sie aufgeklärt — politisch, sexuell, auf welcher Ebene auch immer. Das war spannend und wichtig für mich, um mich in diese Zeit hineinzufühlen. Und im weiteren Probenprozess musste ich mich davon wieder losmachen.

Um Sisi gibt es einen regelrechten Mythos. Wie sehr versuchten Sie, sich von gängigen Bildern zu lösen?

Damit meinen Sie sicherlich auch die Romy-Schneider-Trilogie. Ich habe mich viel mit Romy Schneider als Schauspielerin auseinandergesetzt, habe auch ihre Biografie gelesen. Als Schauspielerin finde ich sie wahnsinnig beeindruckend und interessant. Was die Filmtrilogie betrifft: Jede Sisi-Interpretation ist ein Produkt ihrer Zeit. Deswegen erzählen wir heute eine ganz andere Elisabeth als in den 50er- oder 60er-Jahren. Jede Interpretation ist aber für mich total legitim. Wir machen ja keinen Dokumentarfilm. Wir orientieren uns an den historischen Fakten, schauen aber darüber hinaus, was heutzutage für uns wichtig ist in der Zeit, in der wir leben — und was in Film und Fernsehen erzählenswert ist.

Was erzählt „Die Kaiserin“ über die heutige Zeit?

Elisabeth ist eine junge Frau, die versucht, die Enge ihrer Zeit zu überwinden und einen eigenen Lebensweg zu gehen. Das gibt es ja auch heute noch. Sie hat einen starken Freiheitsdrang und glaubt, Freiheit in der Heirat mit Franz Joseph zu finden. Sie will das ländliche Bayern hinter sich lassen. Natürlich wird sie in Wien konfrontiert mit neuen Konflikten – aber zunächst ist es für sie ein Schritt zu mehr Freiheit. Wenn sich junge Frauen heute diese Elisabeth anschauen, würde ich sie sehr gerne ermutigen, nach draußen zu gehen, ihre eigene Meinung zu äußern und sich nicht einschüchtern zu lassen.

Woher rührt die Faszination für Elisabeth?

Je mehr ich mich eingelesen und eingearbeitet habe, umso mehr war für mich klar, warum es wichtig ist, dieser Frau auch heute noch eine Plattform zu geben und sie vielleicht auch noch in ein anderes Licht zu stellen, als es in den 50er- und 60er-Jahren getan wurde. Alle Interpretationen haben einen anderen Blick auf Elisabeth, was vielleicht notwendig ist, um ihr gerecht zu werden.

Was soll das Publikum von „Die Kaiserin“ mitnehmen?

Warum ich Elisabeth gespielt habe, ist dieses „longing for more“. Dass ich also eine Frau spielen darf, die unabhängig von ihrer Liebesbeziehung, unabhängig von ihren Eltern lernt, auf sich zu vertrauen und auf ihre eigenen Ressourcen zurückgreifen kann. Für mich ist es wichtig, Leute da draußen anzusprechen und ihnen das Gefühl zu geben, sich auch mit ihren Unsicherheiten zu trauen nach draußen zu gehen und ins Gespräch zu gehen. Und sich so zu vergewissern: Bin ich normal, bin ich akzeptabel, wie kann ich bestehen in dieser Welt?

Mit DEVRIM LINGNAU sprach Christoph Griessner

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