Birgit Minichmayr: „Ich kreiere und werde kreiert“

Birgit Minichmayr war gleich mit zwei Rollen in Berlin vertreten © APA/dpa/Michael Reichel

Birgit Minichmayr hat derzeit auf der Bühne wie im Film einen Lauf. Gerade hatte sie Premiere in „Heldenplatz“ am Wiener Burgtheater. Gleichzeitig liefen gleich zwei Filme mit ihr auf der Berlinale: „Andrea lässt sich scheiden“ in der Sektion Panorama und „Mit einem Tiger schlafen“ in der Reihe Forum. Vor 23 Jahren war sie erstmals beim Filmfest, als Österreichs Shootingstar zur Berlinale. Anlass für ein Gespräch mit der APA in Berlin.

APA: Frau Minichmayr, sie treten gleich in zwei Filmen bei der Berlinale auf. Da drängt es sich irgendwie auf, dass man die Rollen vergleicht.

Birgit Minichmayr: Das Vergleichen kommt eigentlich immer vom Außen und nicht von mir selbst. Denn ich bin einfach fokussiert auf ein Drehbuch, und dann ist der Dreh abgeschlossen. Dann kommt das nächste Drehbuch. Dass das jetzt durch die Berlinale-Einladungen zeitgleich stattfindet, ermöglicht natürlich dieses Suchen nach der Schnittmenge. Wenn es eine Menge gäbe zwischen einer fiktiven und einer nicht fiktiven Person, die ich darstelle, dann ist es wohl eine Form der Introvertiertheit. Wobei auch bei Maria Lassnig eine Form der Extrovertiertheit da ist.

APA: Wenn man es gegenüberstellt: Die eine Figur ist ein unbeschriebenes Blatt, das Sie ausfüllen, und das andere eine bereits biografisch vorgegebene Person. Wie geht man technisch an die beiden heran?

Minichmayr: Ich glaube, man kann auch da wieder eine große Schnittmenge aufmachen, und zwar die des Drehbuches. Am Anfang stand das Wort, und es ist bei mir auch nichts anderes: Ich kreiere und werde kreiert. Das ist ein aktiv passiver Vorgang. Also die erste Vorinterpretation hat schon mal der Regisseur oder die Regisseurin gemacht. Und natürlich ist es dann irgendwie vereinfacht, bei einem fiktionalen Film ohne biografische Vorlagen wie bei „Andrea lässt sich scheiden“ seiner Fantasie vollkommen freien Lauf zu lassen. Das ist bei der Darstellung von Maria schwieriger, weil man doch an gewissen Fakten nicht vorbeikommt und auch vielleicht nicht vorbei will.

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APA: Introvertiert, extrovertiert: Ihre Maria Lassnig zeigt zwei Seiten: Zum einen lebt sie sehr zurückgezogen in ihrem Bauernhof und auf der anderen Seite legt sie aber viel Wert auf Wertschätzung ihrer Kunst und ist sehr eifersüchtig, wenn ihr andere vorgezogen werden.

Minichmayr: Ja, wobei: das macht sie nicht extrovertiert. Extrovertiert machen sie eher ihre exzentrischen Kleider und die Tracht, die sie dann manchmal gewählt hat bei Eröffnungen. Man denke an dieses berühmte Bild mit der gelben Krawatte und Pullis. Und ihre Kunstaktionen. Sie hat den unbändigen Witz gehabt. Bei dem Biennale-Löwen hat sie eine Aktion gemacht, weil sie immer wieder gehadert hat mit diesem ganzen Kunstbetrieb, und hat Zettelchen verteilen lassen: Hilfe, holt mich hier raus! Das empfand ich als Extrovertiertheit. Und auf der anderen Seite hat sie einfach monatelang sehr zurückgezogen gelebt, natürlich mit Kontakt zu den Nachbarn, die da gewohnt haben. Aber dadurch, dass sie in keiner Beziehung lebte, hatte sie nicht wirklich viel Kontakt zur Außenwelt, und das ist schon gigantisch. Wir haben in diesem Originalhaus gedreht: Wie „oanschichtig“ das eigentlich ist! Und das bis ins hohe Alter. Eremitisch.

APA: Aber auf der anderen Seite war sie irgendwie weltgewandt: Paris, USA, Wien…

Minichmayr: Ja, ja, absolut. Eine Weltenbürgerin, absolut. Und trotzdem ist sie diesem Atelier, das sie am Schluss hatte, im Metnitztal, treu geblieben. Sie hat ja immer die Sommermonate in Kärnten verbracht und dort gemalt. Gemalt, gemalt, gemalt. Ohne wirklich davon leben zu können. Also fast die Hälfte ihres Lebens hat sie sich mit anderen Jobs über Wasser halten müssen.

APA: Wie weit war sie selbstbestimmt?

Minichmayr: Ich glaube, dass sie eine absolut selbstbestimmte Frau war. Schon alleine, diesen Verzicht, den sie in Kauf genommen hat, mit sehr wenig Geld lange auszukommen, um nicht einen Beruf machen zu müssen, der ihr die Zeit stiehlt fürs Malen.

APA: Die Kärntner Mundart ist Ihnen sehr leicht von der Zunge gegangen.

Minichmayr: Es gibt einen Dialogcoach, und den habe auch ich bekommen. Und dann sitzt man mal mit dem und übt das. Es gibt so angenehme Helfer und Helferinnen, die einem das beibringen können.

APA: Bei der Figur von Andrea im anderen Film vermisst man etwas die Empathie dieser Frau. Immerhin hat sie ihren eigenen Gatten überfahren. Unterdrückt sie das Gefühl oder fehlt es ihr einfach?

Minichmayr: Lustiger weise gibt es von männlicher Seite diesen Wunsch nach mehr Emotionalität dem Ganzen gegenüber. Josef (Hader, der Regisseur, Anm.) und ich haben lange darüber geredet. Es geht darum, wenn man sich entscheidet, Fahrerflucht zu begehen, weil man weiß, was das für Konsequenzen haben kann, vor allem wenn man selber Polizistin ist, diesen gravierenden Fehler auszuhalten. Und es dann auch noch zu erlauben, dass ein anderer die Schuld auf sich nimmt. Ich glaube, dass die Emotionalität ein Element ist, die das Kartenhaus viel eher zum Einstürzen gebracht hätte als dieses stoische Verdrängen ihrerseits. Wenn da ein Ventil aufgegangen wäre, darüber zu trauern, glaube ich, würde ihr Vorhaben, das durchzustehen, es nicht zuzugeben, nicht funktionieren. Ich glaube, es ist genau die Emotionslosigkeit, die es braucht, mit Kälte diese Gefühle wegzuhalten. Außerdem gibt es oft auch Menschen, die nicht unbedingt einen unmittelbaren, schnellen Zugang zu ihren Gefühlen haben.

APA: Sie haben jetzt zwei Filme auf der Berlinale. Bleibt das Theater im Zentrum oder haben Sie schon einen weiteren Filmplan?

Minichmayr: Ich handhabe das so wie immer die letzten Jahrzehnte, dass ich beides in der Waagschale habe.

(Das Interview führte Stefan May, APA)

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