Brittens „War Requiem“ als mitreißendes Kaleidoskop in Graz

Regisseur Lorenzo Fioroni wandelte die Trauerfeier zur Party © APA/Oper Graz/Werner Kmetitsch

Die Grazer Oper hat am Samstag die Saison mit einem Oratorium eröffnet. Benjamin Brittens gewaltiges „War Requiem“ wurde mit zwei Orchestern, Chor, Kinderchor, Ballett, zwei Sängern und einer Sängerin auf die Bühne gebracht. Die szenische Umsetzung besorgte Lorenzo Fioroni, der eine Gesellschaft im Krieg zeigt, deren Gier nach Leben und Überleben ihr Handeln prägt. Dirigent Roland Kluttig und die Grazer Philharmoniker setzten die Musik eindrucksvoll um.

Brittens „War Requiem“ wurde coronabedingt verschoben und steht nun in trauriger Aktualität am Beginn der letzten Saison von Intendantin Nora Schmid. Für dieses Werk wurde die Bühne erweitert, mehrere Sitzenreihen entfernt und der gesamte Zuschauerraum vom Parterre über die Logen bis zur Galerie bespielt. Eine bunte Abendgesellschaft scharte sich zunächst um einen Sarg, aus der Trauerfeier wird aber schon bald wieder eine Party, bei der sich die Gäste am Buffet drängen.

Die Musik bricht gewaltig über die Zuhörer herein, die lateinischen Texte sind mit Gedichten von Wilfred Owen verwoben und ergeben eine Trauermusik, die gleichzeitig Aufbegehren und Anklage in sich trägt und für alle Beteiligten eine große Herausforderung darstellt. Das Orchester wurde ganz in den Hintergrund gerückt, was akustisch nicht ganz glücklich gewählt war, da der – hervorragende! – Chor zumindest im Parterre die Musik oft fast zudeckte. Das Kammerorchester, dirigiert von Johannes Braun, war rechts vorne positioniert und deutlich besser zu hören.

Regisseur Lorenzo Fioroni erzählt keine Geschichte, sondern stellt kaleidoskopartig Bilder nebeneinander, die immer wieder Menschen und ihre Tätigkeiten zeigen, von miteinander streiten über tanzen bis hin zur Polonaise der Debütantinnen und Debütanten auf einem Ball. Der Tod ist allgegenwärtig, ob nun die jungen Menschen in Ballkleidung plötzlich zu Boden sinken oder ein Baby stirbt. Mitten im Geschehen zwei Soldaten, die beide vom Kampf schwer gezeichnet sind. Tenor Matthias Koziorowski zeigt einen Mann mit schweren Nervenschäden. Er spielt ihn eindringlich, singt ihn aber noch viel eindringlicher, darüber hinaus wortdeutlich und mit heller Durchschlagskraft. Bariton Markus Butter ist mit weicher Stimmer der resignierte, ebenfalls zerstörte Gegenpart. Wie ein schriller Todesengel wirkt Flurina Stucki, deren Stimme einige Schärfe aufweist, was aber in diesem Fall gut passt. Ein eindringlicher, bewegender Abend, der allein schon wegen der hervorragenden Protagonisten Lust auf eine ganze Britten-Oper in diesem Haus macht.

„War Requiem“ von Benjamin Britten in der Grazer Oper. Musikalische Leitung: Roland Kluttig, Dirigat Kammerorchester: Johannes Braun, Chor: Bernhard Schneider, Inszenierung: Lorenzo Fioroni, Choreografie: Beate Vollack, Bühne: Sebastian Hannak, Kostüme: Annette Braun. Mit: Florina Stucki (Sopran), Matthias Koziorowski (Tenor), Markus Butter (Bariton). Weitere Termine: 29.9., 2., 5., 7., 12. und 22.10., 4., 6. und 20. 11.; oper-graz.buehnen-graz.com

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