„Der Kaiser“ als Romanautor: „Ich wollte es nicht verblödeln“

Robert Palfrader erzählt in „Ein paar Leben später“ Geschichten über seine ladinischen Vorfahren

Robert Palfrader
Robert Palfrader © APA/Hochmuth

Es gibt wohl nur wenige Möglichkeiten, Robert Palfrader schmähstad zu machen. Seinen Debütroman “Ein paar Leben später” als “Mischung aus ,Bagage’ und Bilgeri” zu bezeichnen, scheint eines dieser raren Mittel zu sein. Und wenn man auf seine Frage, ob er denn den angestrebten altertümlichen Erzählton einigermaßen getroffen habe, eine Erinnerung an Robert Schneiders “Schlafes Bruder” einfließen lässt, ist er für einen Moment unsicher: Wird er am Ende selber am Schmäh’ gehalten?

Palfrader, 1968 geborener Wiener, der den einen mehr als Kaiser Robert Heinrich I. aus der ORF-Talkshow “Wir sind Kaiser” bekannt ist, von den anderen als Mitglied der heimischen Kabarett-Supergroup “Wir Staatskünstler” geschätzt wird, hat sich auf ein Terrain begeben, auf dem er sich noch nicht so traumwandlerisch sicher bewegt wie auf den Bühnen und in den Fernsehstudios des Landes: Kommende Woche feiert er seine Premiere als “seriöser” Autor: Anders als Kollegen aus demselben Fach legt er keinen flott dahingeschriebenen Lokalkrimi oder augenzwinkernden Ratgeber vor, sondern eine bewegende und farbenreiche Rekonstruktion der Lebensgeschichten seiner ladinischen Vorfahren.

Als Erstes erzählt er von seiner Urgroßmutter Angela Craffonara

“Mein Großvater hat nur Ladinisch gesprochen”, erzählt der 55-jährige Jungautor im Gespräch mit der APA. “Ich selbst kann leider nur ein paar Sätze Ladinisch, aber ich war als Bub häufig bei den Verwandten in Südtirol und habe damals viel verstanden. Vor allem meine Urgroßmutter und meine Großtante haben ausschließlich Ladinisch miteinander gesprochen.” Nicht mehr als 35.000 Menschen gehören dieser rätoromanischen Minderheit in den Dolomiten an, schreibt Palfrader in seinem Vorwort, ehe er anhebt, als Erstes von seiner 1882 geborenen Urgroßmutter Angela Craffonara zu erzählen.

Schon vor über 30 Jahren sei er das erste Mal aufgefordert worden, die Geschichte seiner Vatersfamilie aufzuschreiben, erzählt Palfrader, der Cousin der Skifahrer Manuela und Manfred Mölgg ist (während die VP-Politikerin Beate Palfrader nur in die Familie einheiratete).

Damals habe er sich das überhaupt nicht vorstellen können. Als er später eine gewisse Bekanntheit erlangte, seien auch Buchangebote gekommen, nicht alle von ihnen seriös. “Was aber die Welt definitiv nicht braucht, ist ein weiteres schlechtes Buch, das am Ende sogar von einem Ghostwriter geschrieben wird.”

Als er sich dann entschloss, das alte Projekt tatsächlich anzugehen, sei er fünf Tage nach Südtirol gefahren, um die alten Geschichten zu hören. “Ich hab mich für mein Buch an der Geschichte der Familie meines Vaters entlanggehantelt. Ich hab sie als Gerüst genommen und das aufgefüllt mit dem, was mir so eingefallen ist. Ich überlasse es der Fantasie der Leserinnen und Leser, welche der Geschichten wahr sind.”

Also keinen Etruskerschatz, der nach und nach zu Geld gemacht wurde und einen gewissen Wohlstand gesichert hat? “Je absurder es klingt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das es stimmt”, schmunzelt der Autor und verweist auf den ersten Satz seines Buches: “Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie oft ich die Unwahrheit erzählen werde müssen, um die Geschichte der Familie meines Vaters glaubhaft erscheinen lassen zu können.”

Lange habe er nach dem richtigen Erzählton für die 150 Jahre zurückgehende Geschichte gesucht, erzählt der Autor, der seinen Pegasus zügeln musste. “Ich habe versucht, einen Ton zu finden, der in diese Zeit passt, eine Art ältere Sprache. Ich wollte es nicht verblödeln. Es gibt wohl ein paar Formulierungen, bei denen es mit mir durchgegangen ist, das weiß ich. Aber ich habe es mir nicht leicht gemacht. Ich wollte mir keinesfalls nachsagen lassen, dass ich mir keine Mühe gegeben habe.”

Kein literarisches Kunstwerk, sondern Geschichten von früher

Das wird ihm auch nicht ernsthaft nachgesagt werden können. “Ein paar Leben später” ist eine Mischung aus Fabel und Familienroman, der nicht als literarisches Kunstwerk punkten, sondern Geschichten von früher erzählen möchte. In mancher Hinsicht erinnert das Buch an Reinhold Bilgeris “Der Atem des Himmels”, in dem der Vorarlberger Autor, Regisseur und Liedermacher eine wahre Lawinenkatastrophe der 1950er-Jahre in den Mittelpunkt stellte.

Wer dieses Buch liebte, wird auch Palfraders Südtiroler Außenseitergeschichte mögen. Vielleicht gerade deshalb, weil er sich auf einzelne Schicksale und nicht auf das große Thema konzentriert hat, das auch als Klammer dienen hätte können, nämlich “die vollkommene Verleugnung der kulturellen Identität und der Muttersprache”, die den Ladinern zeitweise aufgezwungen wurde. “Es hat Versuche gegeben, das Ladinische zu unterdrücken. Auch mein Familienname ist unter Joseph II. eingedeutscht worden. Ich heiße eigentlich Peraforada.”

„Aber ich glaube, meine Geschichte ist eine gute“

“Mir ist vollkommen klar, dass das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit keine große Literatur ist. Aber ich glaube, meine Geschichte ist eine gute”, gibt sich Palfrader bescheiden. “Es ist ein Versuchsballon. Ich habe es auch deswegen geschrieben, um zu sehen, wie gut ich scheitern kann.”

Einen Einwand gegen “Ein paar Leben später” möchte er aber nicht gelten lassen: Dass der erzählerische Atem gegen Ende immer kürzer und der Erzählfaden immer straffer gespannt wird, sodass seine Geschichte eher abrupt abbricht, sei Absicht gewesen, beteuert er. “Ich hatte das Gefühl, ich bräuchte am Ende den Zug zum Tor, damit ich die Leute nicht langweile.”

“Ich weiß jetzt, wo meine Grenzen sind. Ich weiß, wo ich besser werden könnte. Aber ob ich das jemals wieder versuchen werde, weiß ich noch nicht”, sagt er. Ungewiss, aber nicht unmöglich — das gilt auch für die mögliche Wiederaufnahme seiner Theaterkarriere, die einst am Volkstheater als Oskar in “Geschichten aus dem Wiener Wald” (2008) und als Molnárs “Liliom” (2010) vielversprechend begann. “Ich weiß auch, wo schauspielerisch meine Grenzen sind. Da geht’s nicht nur um Talent, sondern etwa auch um Ausbildung”, erinnert er sich an im Zusammenspiel mit Kollegen wie Nicholas Ofczarek und Simon Schwarz gewonnene Erkenntnisse.

„Staatskünstler“-Tour und Volksopern-Debüt

Dafür wird er, der mit den “Staatskünstlern” im Wahljahr viel unterwegs ist, am 27. März sein Volksopern-Debüt feiern: In “Ein bisschen trallalala” wird er an der Seite von Ruth Brauer-Kvam als Operettendiva Fritzi Massary deren Lebensgefährten, den Schauspieler Max Pallenberg verkörpern: “Ich freue mich sehr darauf!”

Ein bisschen traurig ist er allerdings noch immer darüber, dass er einst ein aus Mailand gekommenes Angebot, den Haushofmeister in “Ariadne auf Naxos” zu übernehmen, aus Zeitgründen nicht annehmen konnte. “Ein Straßenkomödiant, der seine Karriere damit begonnen hat, Leute mit versteckter Kamera zu verarschen, auf der Bühne der Scala – das hätte etwas gehabt …”

Das könnte Sie auch interessieren