Die menschliche Grauzone

Einvernehmlich? Packendes Gerichtsdrama „Menschliche Dinge“

„Menschliche Dinge“ ist nicht nur eine Familiengeschichte vor der Kamera, sondern auch dahinter: Regisseur Yvan Attal ist der Ehemann von Charlotte Gainsbourg — deren gemeinsamer Sohn Ben Attal spielt Alexander (im Bild).
„Menschliche Dinge“ ist nicht nur eine Familiengeschichte vor der Kamera, sondern auch dahinter: Regisseur Yvan Attal ist der Ehemann von Charlotte Gainsbourg — deren gemeinsamer Sohn Ben Attal spielt Alexander (im Bild). © Curiosa Films/Prébois

Sie sei stärker als sie jetzt denke. Und die Vergebung werde schon beginnen. Das Leben des vermuteten Täters könne man aber nicht einfach so aufs Spiel setzen.

Ein Raunen geht durch den Gerichtssaal. Wer so mit dem vermeintlichen Opfer spricht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber es nimmt einem erneut den Atem, wenn die Worte in „Menschliche Dinge“ des Regisseurs Yvan Attal zu hören sind. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Buch, das sich mit dem realen Fall einer milde bestraften Vergewaltigung auseinandersetzt.

Auf der Anklagebank sitzt Alexandre (Ben Attal). Herkunft: gebildet, elitär, intellektuell. Sein Vater (Pierre Arditi) ist einer der bekanntesten Journalisten Frankreichs, Mutter Claire (Charlotte Gainsbourg) Autorin, gefragte Gesprächspartnerin. Gleich zu Beginn redet sie im Radio über die Vergewaltigung einer jungen Frau durch Migranten. Man dürfe die Täter nicht wichtiger nehmen als die Opfer, müsse alle Vergewaltiger gleich behandeln.

Ihre Welt ist noch in Ordnung. Alexandre studiert an einer Eliteuni in den USA, Claire hat sich von ihrem deutlich älteren Mann getrennt, lebt mit Adam (Matthieu Kassovitz) zusammen, dessen 17-jährige Tochter Mila (Suzanne Jouannet) ist zu ihnen gezogen, weg von ihrer jüdisch-orthodoxen Mutter. Als Alexandre sie besucht, bringen sie den feschen Sohn dazu, Mila auf eine Party mitzunehmen. Danach wir Mila ihn wegen Vergewaltigung anzeigen.

Man verflucht den alten weißen Mann

Die Menschen verhalten sich verletzt, tief traurig, verängstigt und abgrundtief ekelhaft. Wenn Alexandres Vater vor Gericht sagt, es sei eine „Sache von 20 Minuten“ gewesen, die seinem Sohn das Leben zerstört, vernachlässigbar, Grauzone — da verflucht man den alten weißen Mann, der sich seine Potenz an einer blutjungen Praktikantin beweist. Doch 30 Monate später leben die beiden zusammen und haben ein gemeinsames Kind.

Was ist schon so, wie’s scheint? Ist nicht das Menschliche Grauzone, weil Schwarz-Weiß nie der Realität entspricht? Unser Rechtssystem baut jedoch darauf auf und die Unmöglichkeit, menschliches Verhalten darauf herunterzubrechen — das verhandelt „Menschliche Dinge“. Alexandre spricht von Lust, brutalem, aber einvernehmlichem Sex. Mila von Nötigung, Angst, Gewalt.

Ist ein anzügliches Komplimenterl Belästigung oder Flirt? Eine Diskussion, die es nicht erst seit MeToo gibt, die aber kräftig davon angeheizt wurde.

Attal erzählt das Geschehen als Thriller und packendes Gerichtsdrama, stellt jene schonungslos dar, die die Moral für sich gepachtet sehen. Auf beiden Seiten. Der Familie des Mädchens wird leider zu wenig Platz gegeben, Ängste bleiben eindimensional. Einvernehmlich oder nicht — offen lässt der Film diese Frage nicht. Er entlarvt, ohne zu zeigen.

Von Mariella Moshammer

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