Die Zeit und unser Bild davon

Premiere „Faust“ am Volkstheater in der Regie von Kay Voges

Momente alsFotos fixiert
Momente alsFotos fixiert © Volkstheater/Franzi Kreis

Am Volkstheater Wien feierte am Samstag „Faust“ Premiere. Regisseur Kai Voges richtet den Blick aus mehreren Perspektiven und vor allem Objektiven auf den Menschen, dem alles, was wir haben können, nicht befriedigt.

Was Goethe nacheinander auf drei Ebenen hievt, um es dann in eine Tragödie zu führen, geschieht hier bald gleichzeitig, aus mehreren Blickwinkeln betrachtet, an mehreren Orten, vielschichtig, aufgekratzt, ganz unserer Zeit entsprechend. Vervielfacht tragen oft fremde Körper gedankenschwere Köpfe.

Goethe beginnt mit seinen eigenen Selbstzweifeln, geht über zum Widerstreit des Theaterdirektors mit dem Dichter, und begibt sich drittens auf das höchste Level, zu Gott selbst samt seiner Implikation, dem Bösen, in Gestalt des Mephisto.

Regisseur Kai Voges startet, als ob er sein Publikum auf Goethes erster Ebene in ein hyperrealistisches Spiel führen möchte. Hinter einer diffus durchscheinenden Wand nahen tatsächlich schwankende Gestalten. Auch die nächste Ebene lässt einen noch an die Schule denken, wo ein dominanter Direktor auf sein Geschäft achtet, dabei Publikum wie Autoren ironisch betrachtet. Später aber wechselt Theaterdirektor Uwe Schmieder auch körperlich die Perspektiven, wird zu Faust, zu Hexen, zum Regisseur, der Gretchens castet und beim Lied „König von Thule“ das opernstimmige Gretchen Hasti Molavian bis zum Zusammenbruch quält. Großes Gefühlskino als Me- taebene für Gretchens Verzweiflung. Drei weitere Gretchen, Lavinia Novak, Gitte Reppin und Friederike Tiefenbacher, zeugen von den vielen Gesichtern der Figur.

Andreas Beck ist als Faust ein behäbiger Grantler mittleren Alters, der allerlei studierte, doch von Weltekel zerfressen, des Lebens überdrüssig, an Selbstmord denkt. Um ihn tummeln sich stets die verjüngten Fauste Frank Genser und Claudio Gatzke. Den lebenserhaltenden Osterspaziergang absolviert er nebenbei, ohne Pudel erscheint Mephisto, zur Verjüngungskur braucht es kein Hexeneinmaleins, die Liebesnacht mit Gretchen führt lückenlos in die Film-Walpurgisnacht. Mephisto, Uwe Rohrbeck, in Gold, bleiben, wo seine teuflischen Hörner waren, nur offene Wunden. Für Erotik und Verführung steht in Rot Mephista Lavinia Novak.

Auf drei Ebenen spielt auch die Bühne von Michael Sieberrock-Serafimowisch. Studierstube oder Gretchens Kammer stehen als Kuben klein und verhangen da. Allgegenwärtig und riesengroß dominieren Fotos von heute möglichen Innen- und Außensichten. An der Rampe, isoliert, auch bei den Dialogen, gehen die Schauspieler vor Mikrophonen den Worten mit Leib und Seele auf den Grund, textgetreu, ergreifend, jeder für sich.

Momentaufnahmen ohne Tiefe

Augenblick contra Ewigkeit mithilfe von Fotos. Schon zu Beginn blättert der ständig anwesende Fotograf Marcel Urlaub auf, wie schnell der Fokus des Publikums vom Bühnengeschehen schwindet, als er ins Auditorium blitzt und die Fotos fast zeitgleich raumhoch auf die Bühne projiziert. Die Inszenierung betrachtet Erlebtes rasend schnell von mehreren Seiten zugleich, fixiert Momente als Fotos, bearbeitet sie, ohne sie in der Tiefe wahrzunehmen. Pausenlos anstrengende zwei Stunden und zehn Minuten lang.

Kein Stück wurde je aus so vielen Perspektiven betrachtet wie Goethes „Faust“. Kay Voges macht eben diese Betrachtungen zum Thema. Das zentrale „Augenblick verweile“ mündet in eine orgiastische Fotosession, bei der Handlung, tiefsinnige Gedanken oder große Berührungen, nicht die wesentliche Rolle spielen.

Wo Goethe auf drei Metaebenen steigt, führt Voges als vierte Medientechnik ein. Des Dichterfürsten ewiggültige Gedanken bestätigt auch seine Inszenierung: „In bunten Bildern wenig Klarheit, viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit“. Unterhaltsam, erbaulich, lehrreich. Der Applaus mit spärlichen Begeisterungsrufen eher zurückhaltend.

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